November6
Mit katzenhafter Geschmeidigkeit schob er sich direkt hinter sie und ohne irgendein anderes Geräusch zu verursachen flüsterte er direkt in ihr Ohr: „Mein Name ist Tan San.“
Sie war überrascht, dass man einen Asiaten geschickt hatte, doch dann begriff sie: Es musste ein Vorteil sein. Als er aus ihrem Schatten trat, überraschte er sie zum zweiten Mal: Er war jung. Sehr jung. Zumindest sah er aus, als sei er höchstens Anfang zwanzig. Aber sie wusste, dass niemand zugelassen wurde, der seine Fähigkeiten nicht gründlich unter Beweis gestellt hatte. Sie konnte ihm vertrauen.
Kaum drei Tage hielt sie sich schon in der Stadt auf. Wie alle ihrer Organisation war sie einem Kult auf der Spur und diesmal hatte sie ihn bis in sein Zentrum verfolgt. Hier, im Herzen dieses Ortes, befand sich eine geheime Tempelanlage. Tatsächlich war sie jedem zugänglich, eine Ruine, die sich wie andere Relikte alter Zeit touristisch unverbindlich besichtigen ließ. Doch noch immer existierten Anhänger des Kultes, die sich ganz in der Nähe aufhielten, um die Stätte für ihre Riten zu gebrauchen. Soviel hatte sie bislang herausgefunden, und durch das Beschatten einzelner Kultanhänger war sie schließlich selbst zur Tempelanlage geführt worden. Doch wider Erwarten nicht als erste. Denn Tan San berichtete: „Ich bin schon seit zwei Monaten hier und habe Zugang.“
Ihre Verwunderung hielt sich in Grenzen, sie wusste, die Taktiken der Organisation waren selten durchschaubar. Aber offensichtlich vermutete man hinter der kultischen Tarnung nicht die besten Absichten und politische Ambitionen dazu. Ihr jedoch genügte es, das Ziel ihres Auftrags zu kennen. Es zu erreichen, ließ man ihr freie Hand.
„Als erstes werde ich dich mit der Stadt vertraut machen“, bestimmte Tan San.
Sie war nur wenig Weisung gewohnt und konterte leicht gereizt: „Ich kenne mich aus.“
„Nicht genug“, entgegnet er ungerührt.
Dann führte er sie herum und erklärte so anschaulich die einzelnen Orte, dass ihre Mission für Momente in den Hintergrund trat und sie sich wie auf einer Sightseeingtour fühlte. Tan San wäre der ideale Reiseführer: informativ, ohne zu langweilen, voller Wissen, aber unterhaltsam. Sie musste sich eingestehen, dass er die Stadt weit besser kannte als sie nach dreitägigen Streifzügen. Offenbar war er nicht zum ersten Mal hier.
„In dieser Kneipe treffen sich einige von ihnen, gewöhnlich am Wochenende“, band er beiläufig wertvolle Rechercheergebnisse in den Rundgang ein. „Pass auf, diese Straße wird besonders gut überwacht.“
Konzentriert prägte sie sich alle Daten ein und integrierte sie in ihren mentalen Stadtplan. Nachdem er ihr alles gezeigt hatte, war sie begierig darauf, mit ihm in die Tempelanlage zu gehen. Doch er hielt sie zurück.
„Zu zweit sind wir zu auffällig, wir sollten uns nicht so oft zusammen zeigen. Jetzt waren wir schon lang genug gemeinsam unterwegs.“
Er überlegte einen Moment, dann fügte er hinzu: „Außerdem werden sie dich nicht ohne Weiteres tolerieren, ich bin selbst nur der Begleiter eines anderen. Darum gehe ich allein.“
„Gut, wie du meinst. Wie lange wirst du brauchen? Soll ich in mein Hotel gehen?“
Tan San schüttelte den Kopf mit einer minimalen Bewegung, die eher von seinen Augen auszugehen schien.
„Nein, besser nicht in dieser Gegend. Ich will, dass du sicher bist.“
„Was also dann?“
Tan San überlegte kurz und erklärte dann: „Hier ganz in der Nähe wohnt eine Freundin von mir. Ich werde dich zu ihr bringen. Wir können ihr vertrauen.“
Obwohl sie inzwischen wusste, dass seine Aussagen stichhaltig waren, fragte sie unterwegs misstrauisch: „Weiß sie, was du tust?“
Stillschweigen gehörte gewöhnlich zu den Auflagen jeder Mission ihrer Organisation.
„Nein, aber sie stellt keine Fragen.“
Auf einigen Umwegen liefen sie dann in einen der Vororte, wo Tan San sie zu einem weißgetünchten Haus brachte. Auf den ersten Blick wirkte es unauffällig, noch dazu stand es hinter hohen Erlen verborgen. Doch hatte man erst einmal das Grundstück betreten und näherte sich durch den dicht bewachsenen Garten dem Eingang, erkannte man sofort die ungewöhnliche Sorgfalt und Liebe seiner Pflege. Alle Pflanzen schienen hier besser zu gedeihen als anderswo, so, als wetteiferten sie untereinander mit der Schönheit ihrer Farben und der Intensität ihres Grüns. Das Haus selbst leuchtete ebenfalls wie aus jedem Winkel, blaue Fensterläden und eine gleichfarbige Holztür setzten sich prägnant vom strahlenden Weiß der Fassadenfarbe ab.
Eine junge Japanerin, sie mochte nur ein paar Jahre älter als Tan San sein, öffnete ihnen die Tür mit einem freundlichen Lächeln.
„Gut, dass ihr da seid. Ich habe euch schon erwartet.“
Der Besuch schien sie nicht zu überraschen, obwohl Tan San keine Gelegenheit hatte, ihr vorher Bescheid zu geben. Nach kurzer Vorstellung verschwand er wieder, setzte die Informationssuche fort und ließ die beiden Frauen allein. Die Asiatin hieß Li Seng. Ihr Wesen strahlte dieselbe Wärme und Offenheit aus wie das Haus. Li Seng zeigte ihr sogleich alle Zimmer – es waren mehr, als man dem Haus von außen zugetraut hätte. Sie war froh, dass Li Seng sie in eine der behaglichen Räume eine Weile für sich sein ließ. Seit ihrer Ankunft in der Stadt hatte sie fast ununterbrochen gearbeitet, war Tag und Nacht herumgestreift, um mit intensiver Aufmerksamkeit die Stadt zu scannen, hatte gehorcht, geschaut, Informationen beschafft und Schlüsse gezogen. Denn sie war überzeugt, die Mission laste allein auf ihren Schultern. Es erleichterte sie sehr, dass die Organisation auf ein doppeltes Team setzte, sodass sie jetzt einen Moment ausruhen konnte.
Als sie später mit Li Seng bei gebratenen Reis und Chop Suey saß, stand plötzlich Tan San im Raum. Wieder hatte er sich katzenhaft leise bewegt. Sie musste ihn gelegentlich auf seine Schleichkünste ansprechen, denn ihr Gehör war es nicht gewohnt, dass ihm jemand entkam. Jetzt aber wirkte der sonst so ausgeglichene Asiat offenbar von einer dringlichen Botschaft heftig beunruhigt. Hastig zog er sie beiseite – es wäre nicht nötig gewesen, denn Li Seng hatte sich nach einem kurzen Gruß sofort taktvoll zurückgezogen.
„Es gibt Veränderungen!“, berichtete Tan San schnell. „Sie haben den üblichen Verlauf der Rituale unterbrochen. Das kam noch nie vor, soweit ich weiß! Heute Nachmittag gab es keinen Einlass in die geheimen Bereiche der Anlage. Jedenfalls nicht für mich und diejenigen, mit denen ich ging.“
„Was ist denn passiert? Ahnen sie etwas?“
„Ich weiß nicht, was der Auslöser ist. Mag sein, sie sind vorsichtiger geworden. Aber es ist etwas Besonderes im Gange. Ich habe Gerüchte gehört, dass es heute Nacht eine Versammlung geben soll.“
„Gut, dann gehst du hin und ich hör mich in der Stadt um.“
Tan San legte die Stirn in Falten. Der sorgenvolle Ausdruck ließ ihn um erstaunliche Jahre altern.
„Nein, du verstehst nicht. Mein einziger Erfolg war es, zu den gewohnten Zeremonien zugelassen zu werden und auch nur zu den niederen Ritualen. Jetzt herrscht offenbar eine Art Ausnahmezustand und es kommen nur hochrangige Kultanhänger überhaupt noch in die Anlage hinein. Unser mühsam errungener Vorteil ist hinfällig.“
Sie wäre nicht die Spezialistin für aussichtslose Lagen gewesen, wenn diese Nachricht nicht ihren Ehrgeiz geweckt hätte. Ein Notfallplan entwickelte sich wie von selbst in ihrem Kopf.
„Wir müssen observieren. Ab sofort, bis zur Versammlung. Wenn wir nicht hinein können, folgen wir ihnen wenigstens so weit es geht. Wir werden jeden Brocken Information auflesen, den sie im Umkreis der Ruinen fallen lassen. Und sie werden unachtsam sein, denn sie sind in Aufruhr.“
Tan San nickte und zückte einen Stadtplan, um ihre Routen genau festzulegen. Getarnte Patroullie, die jeder Außenstehende für einen ziellosen Stadtspaziergang halten würde. Tan San sollte dabei noch in das Haus von Bekannten einkehren, in denen er ebenfalls Mitglieder des Kultes vermutete, daher ging er zuerst. Sie ließ ihm einen kurzen Vorsprung und verabschiedete sich von Li Seng, der perfekten Gastgeberin. Diese lächelte nur leise als Antwort auf den Dank und drückte ihr sacht ein kleines Glas in die Hand.
„Nehmen Sie, es soll Ihnen gehören!“
Vor Überraschung ließ sie das filigrane Gefäß fast fallen. Denn wohl vertraut erschienen ihr das schwarze japanische Zeichen und die rote Rose, welche auf das Glas gedruckt waren.
„Das gibt es doch gar nicht! Zu Hause habe ich ein Schälchen mit genau denselben Symbolen. Und ich habe mich immer gefragt, was sie bedeuten.“
Li Seng lächelte wieder ihr kleines, stilles Lächeln: „Es bedeutet Erkenntnis. Ich hatte das Gefühl, es sollte ihren Abschied begleiten.“
Das Wort „Abschied“ versetzte ihr einen Stich. Für einen Moment wurde sie sehr traurig, Li Seng zu verlassen, so, als kenne sie diese sanfte Frau schon sehr lange. Gleichzeitig wunderte sie sich über ihre Gefühlsanwandlungen wie über den merkwürdigen Zufall mit dem Glas. Doch pflichtbewusst riss sie sich los und machte sich rasch auf den vorbestimmten Weg.
„In diesem Viertel vermute ich eine Reihe von unterirdischen Verbindungsgängen“, hatte ihr Tan San während der gemeinsamen Tour am Morgen zugeflüstert und mit einer weiteren seiner minimalen Kopfbewegung auf eine Ansammlung von Häusern in der Nähe gedeutet.
Fortan heftete sie ihr Augenmerk auch auf jedes kleine Zeichen am Boden, das ihr ungewöhnlich schien. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie dem Kern näher kam.
Die Gesichter ihrer Zielpersonen, jene Ranghöchsten des Kultes und Drahtzieher der Untergrundorganisation, waren in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie hätte sie lebensecht nachzeichnen können. Doch keines der Phantombilder ähnelte auch nur annähernd den Personen, die ihr begegneten. Selbst Tan San hatte bei seinen wenigen Besuchen der Anlage niemals jemanden zu Gesicht bekommen, der auf die Beschreibung passte. Heute aber war sie sich sicher: Eine außerordentliche Versammlung würde es nicht ohne Führungselite geben. Selbst wenn sie Verdacht geschöpft hatten, war dieser Ausnahmezustand eine Chance, den Kult aufzudecken und seine Anführer festzusetzen.
Plötzlich ging Tan San neben ihr, als hätte er seit Stunden nichts anderes getan. Äußerlich wirkte er wie ein zufälliger Promenadenbummler, nur die Anspannung in seiner Stimme verriet ihn.
„Wir kommen in den Tempel! Ich habe einen Zugang organisiert. Sei in einer Viertelstunde an der Ruine.“
Sie nickte rasch, bevor er hinter der nächsten Ecke ins Nichts abbog. Während sie ein paar kleine, wohldurchdachte Umwege lief, wunderte sie sich, wie Tan San sie stets so zuverlässig aufspüren konnte, fast, als benutze er einen Radar…
Mit unauffälliger Pünktlichkeit erreichte sie die alten Ruine, einem der Eingänge zur geheimen Tempelanlage. Schon von weitem entdeckte sie Tan San inmitten einer kleinen Gruppe. Mit einer seiner minimalen Kopfbewegungen winkte er sie herbei, um sie den anderen vorzustellen. Er bürgte für sie. Immerhin war leichtes Misstrauen spürbar, schließlich kannten die anderen Mitglieder selbst Tan San kaum. Dann wandten sie sich gemeinsam zur Ruine. Sie wusste bereits, dass es hier in der Nähe Eingänge zur unterirdischen Anlage geben musste. Tatsächlich waren sie auf Karten verzeichnet, aber offiziell wurden sie niemals der Öffentlichkeit preisgegeben – aus Sicherheitsgründen, hieß es.
Vor Erstaunen verschlug es ihr fast den Atem: Diese Größe hatte sie nicht erwartet. Die unterirdische Anlage entpuppte sich als hohe Halle mit meterhoher Decke. Noch mehr beeindruckten sie die weit ausladenden Tribünenränge, die wie ein antikes Amphitheater im Oval angeordnet waren. Mit den anderen erklomm sie viele Stufen, um einen noch freien Rang zu erreichen. Die meisten waren bereits besetzt. Nie hätte sie eine derart große Anhängerschaft des Kultes vermutet. Als sie ihren Blick über die Menge schweifen ließ, fiel ihr auf, wie viele Asiaten sich unter den Versammelten befanden. Sie verstand nun besser, warum die Organisation Tan San geschickt hatte. Trommelschläge hallten von den steinernen Wänden zurück, ihr Echo flog in scheinbar unendlichen akustischen Spiegelungen zwischen den Mauern hin und her. Zudem mussten die verschiedenen Trommeln so vielfältig sein, dass ihre Rhythmen melodiös wirkten.
Als die Ränge gefüllt waren, folgten einige Gongschläge und Stille kehrte ein. Ein ausschließlich weiß gekleideter Mann trat in die Mitte der Arena. Sie erwartete eine Rede, eine Lagebesprechung oder Diskussion, doch er äußerte kein Wort. Stattdessen schien sich die Stille zu verdichten. Dann begriff sie, dass alle Kultmitglieder in einen Meditationszustand oder etwas Ähnliches wechselten. Es fiel ihr nicht schwer, ebenso konzentriert wie sie auszusehen. Nach einer langen Zeit ertönten einige Gongschläge, worauf sich eine gewisse Unruhe verbreitete. Sie bemerkte, wie einige Holzschalen in der Art einer Kollekte durch die Reihen gereicht wurden. Hastig warf sie Tan San einen fragenden Blick zu. Auch er suchte in seinen Taschen und zog schließlich einige Stäbchen hervor. Die meisten waren weiß wie die der anderen. Durch eine geschickte Seitenbewegung steckte ihr der katzenhafte Tan San zwei Stäbchen zu und bedeutete ihr, diese übereinander zulegen. So platzierte sie das orangefarbene Stäbchen über das schwarze und nahm an, dass diese Farben sie als Adepten kennzeichneten. Froh, nicht aufgefallen zu sein, merkte sie zu spät, dass zwei von Tan Sans Begleitern sie allzu argwöhnisch betrachteten. Hielt sie die Stäbchen falsch? Standen ihr die Farben doch nicht zu? Obwohl allgemein nicht gesprochen wurde, versuchte Tan San die zwei zu beruhigen. Gleichzeitig spannte sich sein Körper und sie wusste, dass er fluchtbereit war. Er gewährte seinen Worten noch eine Minuten; als sie wirkungslos blieben und seine Begleiter bereits näher heranrückten, gab er das Kommando. Zum ersten Mal beschränkte er sich nicht auf eine minimale Bewegung seines Kopfes, sondern riss ihn mit einem Ruck ganz herum, warf ihr den entscheidenden Signalblick zu und war noch im selben Moment aufgesprungen, um über zwei Ränge Richtung Aufgang zu hechten –sie tat es ihm nach. Die Menge war durch die plötzliche Bewegung überrascht, sodass sie einen kurzen Vorsprung gewannen. Doch nur Sekunden später prasselten die Schritte einer großen Gruppe dicht hinter den Flüchtigen auf das Straßenpflaster. Unerbittlich trieben die Kultanhäger sie durch die Stadt, ohne ihnen im Tempo nachzustehen. Doch es war spürbar, dass Tan Sans Bewegungen ihre Aufmerksamkeit bannten. Sie waren voll expressiver Kraft und Eleganz. Mit einem einzigen Satz überwand er einen großen Schutthaufen und wieder erinnerte er an eine Katze. Mit geschmeidigen Bewegungen vergrößerte er den Abstand zu ihren Verfolgern. Doch während sie nur rannte und sich allein auf ihre Schnelligkeit konzentrierte, schien er seinen Lauf mit bestimmten Gesten zu verbinden. Erst glaubte sie sich zu täuschen, aber immer wieder bekam sie den flüchtigen Eindruck, als baue Tan San Bewegungen wie aus einer Kampfeskunst in seine Flucht ein. Voller Erstaunen erkannte sie plötzlich, dass sein Körper den tibetischen Buchstaben A formte, eine physische Unmöglichkeit eigentlich, doch besaßen die Bewegungen seiner Gliedmaßen solche suggestive Kraft, dass der Ausdruck unmittelbar die Vorstellung jenes verschnörkelten Buchstabens „A“ hervorrief. Dabei völlig lautlos, war nur der scharfe Luftzug seiner Gesten hörbar. Langsamer wurde der Lauf ihrer Verfolger, was immer sie wahrgenommen hatten, es beeinflusste sie: Irritiert hielten sie ein, als sei es ihnen mit einem Mal unmöglich geworden weiterzulaufen.
„Was war denn das?“, fragt sie Tan San, nachdem sie ihre Verfolger endgültig abgehängt hatten.
„Chi“, erwiderte er kurz und wechselte dann sofort wieder zum Materiellen. „Wir sollten uns besser trennen.“
Ein kurzes Stück gingen sie noch gemeinsam, dann ließen sie eine Kreuzung ihren Weg spalten.
Sie versuchte, sich wieder einer belebteren Gegend zu nähern. „Willst du untertauchen, suche das Meer!“, war einer der ersten Regeln gewesen, die sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Und sie brauchte jetzt unbedingt die Brandung der Menschenmassen, die sie schützend in ihren Strom aufnahm. Schnell fand sie den Weg zurück in die Stadt und entschleunigte ihren Lauf. Nur nicht auffallen. Das einzige, was ungesehen rasen durfte, war ihr Herz. Die Normalität der Leute beruhigte sie etwas, trotzdem checkte sie ständig das Umfeld, ob die Verfolger nicht wieder erschienen. Wachsam sein! Wachsam sein! Sie bog in eine große Innenstadtpassage ein und zwang sich, die Geschäftsauslagen zu betrachten. Doch die Ladenfenster waren ihr kaum mehr als stumpfe Spiegel, die ihr den Rücken freihielten. Dass Tan San es geschafft hatte, bezweifelte sie nicht im Mindesten. Das Chi dieses Katzenmannes würde ihn retten.
Sie erlaubte sich minimale Entspannung, drehte sich um und ließ ihren Blick über das Treiben in der Passage schweifen. Ein Asiat fiel ihr ins Auge, weit hinten noch und trotzdem machte er sie stutzig. Irgendetwas an ihm war merkwürdig. Kurz fixierte sie ihn scharf: Er war in mittleren Jahren, trug eine dunkelgrüne Leinenjacke und nicht mehr allzu viel Haar. Mehr konnte sie auf die Distanz nicht erkennen. Warum nur wirkte er so seltsam, wo er doch nicht unter den Verfolgern gewesen war? Seine Präsenz alarmierte sie körperlich als sei er eine unmittelbare Bedrohung. Plötzlich rempelte eine Frau sie im Vorbeigehen an und riss ihre Aufmerksamkeit fort. Kaum zwei Sekunden ließ sie den Asiaten aus den Augen, aber ihr stockte der Atem, als sie ihn nach der Ablenkung in der Menge wieder fand. Er stand nun fast vor ihr. Nur wenige Meter trennten sie voneinander, obwohl es unmöglich war, diese Distanz in so kurzer Zeit zu überwinden – zumal angesichts der Menschenmenge. Noch unbegreiflicher war, dass der Asiat mit einem Mal verjüngt schien. Ohne Zweifel handelte es sich um denselben Mann und doch wirkte er plötzlich zwanzig Jahre jünger. Sie war hoch alarmiert und starrte gleichzeitig wie gebannt auf diese unglaubliche Veränderung. Schlagartig wurde ihr klar, wen sie hier vor sich hatte. Der Asiat musste zum Kult gehören. Sein Gesicht kannte sie zwar nicht von Fahndungsfotos oder Phantombildern. Trotzdem war ihr Instinkt eindeutig. Wie zur Bestätigung veränderte sich der Asiat noch einmal. Nun sah sie ihn plötzlich wieder am Ende der Passage, doch nahm sie ihn diesmal zur selben Zeit auch als den jüngeren Mann in ihrer Nähe wahr. Der Asiat war doppelt!
Sie zitterte am ganzen Körper und wusste mit Gewissheit, dass sie es nicht nur mit irgendeinem Kultmitglied zu tun hatte. Nein, der Asiat musste ihr Anführer sein. Er hatte sich so perfekt hinter seinen Leuten versteckt, dass niemand auch nur sein Äußeres kannte, das im Übrigen offenbar flexibel war. Noch immer stand sie schreckstarr da und hätte nicht einmal fliehen können, wenn sie es gewollt hätte. Denn diesen Willen hatte sie soeben angesichts seiner Fähigkeiten als nutzlos erkannt. Er konnte seine Physis und seine Bewegungen problemlos manipulieren, wie schnell hätte er sie da eingeholt! Dann stand er dicht vor ihr, sodass sie ihn nur noch in einfacher Ausführung sah. Doch sein Gesicht wechselte ständig zwischen der jungen oder der alten Form, so nah an dem ihren, dass es niemand anderem auffallen musste. Seine Augen blieben immer von demselben klaren Tiefgrün, das von innen heraus zu leuchten schien. Er lächelte sie an und erstaunt bemerkte sie, wie sich ihr Körper entspannte. Zwar blieb sie in höchstem Maße aufmerksam, doch die körperliche Angst und Fluchtbereitschaft fielen von ihr ab.
Er sprach kein Wort und doch fühlte sie plötzlich ein Wissen in ihrem Geist, das nur von ihm stammen konnte. Ganz klar sah sie nun, was der gefürchtete Kult wirklich war. All die Geheimhaltung, die Rituale und Zusammenkünfte galten gar keinen verschwörerischen, politischen oder gar kriminellen Zielen. Man hatte diese Gerüchte nur zur Tarnung absichtlich geschürt und sie erkannte den Humor darin. Denn in Wahrheit gab es nichts, was man mit Berechtigung „Kult“ nennen konnte. Die Menschen, die in jener Ruine zusammenkamen, versuchten nur eines: Dem doppelten Asiat, der nun vor ihr stand, nachzueifern und seine Fähigkeiten selbst zu entwickeln. Denn er jonglierte mit der Raumzeit. Er war ein Artist des Universums. Und lachend sah sie, dass sie alle demselben Zirkus angehörten.