Esther Grau

inspired by dreams

Erfasst

April5

Vierundzwanzig Stunden am Tag sind sie unterwegs, sieben Tage die Woche. Sie kennen keine Pause, keine Lücke. Nichts, was man sich zunutze machen könnte. Niemand fällt durch ihr System. Es gibt kein Entkommen. Wissen sie erst einmal eine Adresse, so observieren sie. Und ihre Programmierung erlaubt eine lückenlose Überwachung – weltweit.

Seit Jahren lebt er verdeckt: Immer auf der Hut fühlt er seine Verfolger dicht auf den Fersen. Er weiß, ein falsches Wort am falschen Ort und er gerät in ihre Fänge.

Es soll Menschen geben, die sie austricksen können. Aber das ist ein Spiel mit dem Feuer. Mancher mag die Roboter herumjagen können, sie verwirren und einen gewissen Einfluss auf ihre Berichte nehmen. Doch sich ganz entziehen? Nein. Sie arrangieren sich nur mit der Kontrolle wie man einen Gefängniswärter besticht. Mag sein, das ist die bessere Überlebenstaktik.

Den meisten ist es inzwischen ganz gleichgültig, was mit ihnen geschieht. Sie scheren sich nicht um die allgegenwärtigen Roboter, die regelmäßig die Aktivitäten jedes Einzelnen kontrollieren. Das gehört eben zu den Spielregeln, meinen sie. Aber niemand anderes als die Programmierer der Roboter haben jene Regeln gemacht!

Jahrelang hat er sich deshalb versteckt. Ganz bewusst vermeidet er die Öffentlichkeit, damit die Roboter nicht auf seine Spur kommen. Er bewegt sich nur in anonymer Zwielichtigkeit, als hätte er eine Menge zu verbergen. Dabei will er lediglich ein Minimum seiner Privatsphäre retten und sich nicht ausspionieren lassen.

Er verkehrt nur noch in einem kleinen Kreis ausgewählter Personen. Alles handverlesene Kontakte, die er für absolut loyal hält. Aber einer von ihnen gibt trotzdem seine Daten preis. Er verübelt es ihm nicht, schließlich sind die Roboter genauso hinter ihm her. Das sind unvermeidliche Sicherheitslücken.

Immerhin, er musste es versuchen, solange er konnte. Aber nun hatten sie ihn gefunden. Er war erfasst und wusste: Sie werden zurückkommen. Wieder und wieder.

Diese verdammten Suchmaschinenroboter.

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Es ist Zeit

Februar26

„Bist du fertig?“, ruft Annabell durch den Flur.

„Ja“, antworte ich reflexartig und schließe meine Gürtelschnalle.

Dabei schleicht sich ein Zögern ein. Bin ich wirklich fertig?

„Es wird nämlich Zeit!“, mahnt Annabell zwischen zwei Lippenstiftstrichen.

Sie hat Recht. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Das kann ich spüren. Immer wieder dieses nagende, drängende Gefühl: Beeil dich, beeil dich! Hör auf herumzutrödeln. Erledige deine Aufgaben.

Aber was soll das schon heißen: Es wird Zeit? Wie absurd eigentlich! Denn es ist längst Zeit! Und es war auch schon genug Zeit. Genug Zeit, alles zu tun. Warum aber sollte die Zeit in Zukunft knapp werden? Ich wünschte, Es wird Zeit könnte uns trösten, dass es immer noch und immer wieder genug Zeit gibt, weil alles zeitlos ist.

„Können wir los?“

Leise Ungeduld schwingt in Annabells sonst so beherrschter Stimme. Sie läuft im Flur geschäftig auf und ab, sucht ihre Sachen zusammen. Ihre Handtasche packt sie wie einen Koffer – sorgfältig, überlegt, beschränkt auf das Wesentliche.

„Na?“, hakt Annabell nach.

„Ja, ja!“

Ich will ja gehen. Aber bin ich schon bereit? Wie kann ich sicher sein, ob ich alles erledigt habe? Wenn in meinem Lebensplan doch mehr vorgesehen war, als ich bisher entziffern konnte? Sicher, ich kenne die Agenda im Groben, habe meine großen Themen gelernt. Die wichtigen Aufgaben sind gemeistert: Das Herz weiten und den Horizont. In möglichst viele Richtungen. All die feinen Fäden kennen lernen, welche die Familienbande spannen. Mit den Geschwistern und Eltern erst. Dann eigene Kinder schaffen. Mit dieser Kunst reifen und sich an den Früchten freuen. Schließlich den eigenen Ruhepol finden.

Aber selbst wenn ich alles erledigt habe: Kann ich jetzt loslassen? Augenblicklich? In dem Bewusstsein, nie mehr die Sonne zu sehen oder den kreisrunden Leberfleck an Annabells Hals zu berühren?

„Wo bleibst du denn?“, fragt Annabell jetzt vom Türrahmen aus.

Eine Parfumwolke weht zu mir herüber. Ihr aufregendes Ausgeh-Aroma. Der Duft des vollen Lebens. Sie  kommt zu mir herüber und setzt sich neben mich auf die Bettkante.

„Fehlt dir was?“

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Wenn du noch Zeit brauchst, gehe ich schon alleine vor“, bietet Annabell an.

Sie möchte mich nicht hetzen, mir mein eigenes Tempo lassen. Aber will ich wirklich alleine gehen? Ich weiß, zu zweit ist es einfacher. Man verliert die Richtung nicht so leicht aus den Augen, wenn man in dieselbe geht. Andernfalls gibt es nichts Schlimmeres, als sich forttreiben zu lassen zu den Zielen eines anderen.

Annabell fragt nicht mehr. Ihre Hand streichelt beruhigend über meinen Rücken.

„Ist es wirklich schon soweit?“, frage diesmal ich, um mein Nachdenken zu erklären.

„Ich weiß, es kommt immer schneller als erwartet. So, als überhole sich die Zeit selbst. Aber letztlich liegt es bei dir. Wenn du noch bleiben möchtest …“

Weitermachen in diesem täglichen Trott und Alltagseinerlei? Nenne ich es heiß geliebte Gewohnheiten, sieht es gleich ganz anders aus. Schon eine Tasse Kaffee ist ein guter Halt in dieser Welt. Andererseits …

„Ich kann auch alleine gehen“, versichert mir Annabell. „Wirklich, es macht mir nichts aus. Du kommst einfach nächstes Mal mit.“

Es klingt so einfach bei ihr. Aber nächstes Mal? Will ich ein nächstes Mal?

„Bist du denn schon ganz fertig, Annabell?“, frage ich nachdenklich.

„Sicher.“

Ein Wort, das die Essenz ihres strahlenden Lächelns enthält.

„Ach, Annabell. Woran merke ich, dass ich wirklich bereit bin?“

„Wenn es nichts mehr zu tun gibt.“

Ich sehe lange in ihr Lächeln. Dann stehe ich auf und gehe voraus, ohne mich noch einmal umzusehen.
 

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Ein erfreulicher Bluff

Januar9

Neulich hatte ich eine kleine Angelegenheit beim Finanzamt zu regeln. Da die zuständigen Mitarbeiter gerne wechselten, wählte ich kurzerhand die Telefonnummer auf meinem letzten Lohnsteuerbescheid. Vielleicht konnte mich ja jemand zuordnen. Ein sehr freundlicher Finanzbeamte nahm ab, hörte sich gerne mein Anliegen an und erklärte dann:

„Mit mir wollen Sie bestimmt nicht sprechen.“

„Das würde ich jetzt so nicht sagen…“

„Nein, ich meine nur, ich bin für Bußgelder zuständig. Aber ich verbinde Sie gleich weiter.“

Ich grübelte, ob ich über eine Bußgeldnummer auf meinem Lohnsteuerbescheid besorgt sein sollte, und wurde währenddessen mit klassischer Musik beschallt. Beethovens Neunte. Ich bereitete mich innerlich auf fünf bis zehn Entspannungsminuten vor, doch der Finanzbeamte ließ mich zu meinem Erstaunen nicht in der Warteschleife versauern. Vielmehr bettete er seine angenehme Stimme immer wieder zwischen die Streicher, um mich auf dem Laufenden zu halten:

„Da ist gerade besetzt. Moment, ich versuche es auf einem anderen Apparat.“

„Gut, ich warte.“

(Beethoven)

„Ob Sie es glauben oder nicht, aber der Kollege wollte Sie nicht.“

Ehrlich gesagt, war das ein kleines bisschen mehr persönliche Ansprache als ich mir wünschte. Doch der Beamte versicherte bereits eilfertig:

„Ich versuche es weiter…“

„Ja, bitte.“

(Beethoven)

„Hören Sie?“

„Ja.“

„Es tut mir schrecklich leid, aber der dritte Kollege spricht auch gerade.“

Sein Bedauern klang aus tiefster Seele ehrlich und ich stellte mich innerlich auf eine weitere Runde Beethoven ein. Doch da bekam ich bereits vom beflissenen Finanzbeamten die Durchwahlen samt den Namen zweier Kollegen angeboten, die ich schnell aufschrieb. Nachdem ich aufgelegt hatte, stimmte mich meine Notiz allerdings mehr als nachdenklich: Die Herren Geier und Pack schienen nur allzu gut den Ruf ihres Arbeitgebers zu erfüllen. Wie konnte das sein? Fühlte jemand namens „Geier“ den inneren Drang, sich vorzugsweise bei Geld eintreibenden Institutionen zu bewerben? Oder suchten umgekehrt diese gezielt nach Personen, deren Name Programm war? Soviel Klischee konnte unmöglich real sein.

Das Telefon ergänzte meine Überlegungen eher als dass es sie unterbrach, da ich unerwartet Herrn Geier persönlich am Apparat hatte. Zuvorkommend bezog er sich auf mein Anliegen, regelte es schnell und ohne Schwierigkeiten, wünschte mir noch einen schönen Tag und zog sich dann höflich aus meinem Gehörgang zurück. Ich war so überrascht, dass ich mit einem Mal die geniale Imagekampagne des Finanzamtes durchschaute: Es handelte sich um eine Umkehrtaktik! Inverse Psychologie! Zuerst wurden klischeehafte Erwartungen scheinbar erfüllt, um eine stärkere Wirkung zu erzielen, wenn der Kunde durch eigene Erfahrung erkannte, dass gerade das Gegenteil seiner Annahmen stimmte.

Success by understatement.

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Herr Ernst steigt aus

Dezember31

Dass er mal derart an die Decke gehen würde, das hatte er gar nicht für möglich gehalten. Herr Ernst war überhaupt nicht der Typ dafür, eher ein ruhiger, bodenständiger. Mit beiden Beinen im Leben zu stehen und kein Hans-guck-in-die-Luft zu sein, gehörte zu seinen Grundsätzen. Sollte er sich selbst so falsch eingeschätzt haben? Seit es passiert war, konnte er jedenfalls nicht aufhören zu grübeln. Systematisch ging er alle Lebensbereiche durch, suchte Hinweise, Warnungen, irgend etwas, das er übersehen hatte – nichts. Er war gesund, mochte seinen Beruf, hatte sein Auskommen mit dem Einkommen und hielt sich für einen ganz umgänglichen Menschen. Alles in bester Ordnung. Doch allmählich beschlich ihn das unangenehme Gefühl, dass unter der glatten Oberfläche seines gut eingerichteten Lebens etwas im Argen lag. Bis jetzt hatte er Einflüsse von etwas unkontrollierbar Unbewussten immer als Humbug abgetan. Tatsächlich war er stolz auf den hohen Grad seiner Selbstbeherrschung und Disziplin. Aber nun? Wie konnte er sich nur so gehen lassen?

Oder wie sonst sollte man es nennen, wenn man eines Nacht plötzlich aufwacht – ohne Schlafstörungen oder Albträume zu haben – und sich nicht in einem Bett wieder findet, sondern ein gutes Stück darüber?! Schon diese Vorstellung war Herrn Ernst peinlich. Das gehörte sich doch nicht. Nachts sollten sich Körper und Geist im Schlaf erholen – und da schwebte er plötzlich durch die Luft! Wie  das schon klang! Er würde es für ein Märchen halten, wenn er es nicht am eigenen Leib… nun, das ja gerade nicht… wenn er es also nicht selbst erfahren hätte. Was immer dieses „Selbst“ nun ausmachte.

Zuerst glaubte er ja noch zu träumen. Immerhin geschahen im Traum die absurdesten Dinge und man nahm sie einfach fraglos hin. Morgens lachte man dann über die eigene Naivität und vergaß bald darauf die ganze Angelegenheit. Aber diesmal war es anders. Alles fühlte sich so echt an. Das Schlafzimmer sah genauso aus wie seines und er erinnerte sich an alles, was er am Tag gemacht hatte. Im Grunde fühlte er sich ganz normal – wenn ihn nicht der Umstand, unter der Decke zu schweben, zutiefst verwirrt hätte. Gleichzeitig spürte er eine merkwürdige Begeisterung in sich aufsteigen, denn nie im Leben empfand er größere Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Fasziniert betrachtete er seine Umgebung aus dieser ungewohnten Perspektive. So schwebte er genau unter einem riesigen Wasserfleck an der Zimmerdecke. Donnerwetter, da hatte der Wasserrohrbruch im letzten Herbst mehr angerichtet als gedacht! Erst allmählich dämmerte es Herrn Ernst, dass er einer perspektivischen Verzerrung erlegen war, denn naturgemäß wirkte der Fleck von unten deutlich kleiner. Zumindest bestand nun kein Zweifel mehr daran, dass er sich wirklich in seinem eigenen Schlafzimmer aufhielt. In welcher Form auch immer, denn mit plötzlichem Schrecken entdeckte er unter sich seinen wie tot daliegenden Körper. So kam er zu seinem zweiten Erklärungsansatz: Er musste gerade gestorben sein, und zwar so unbemerkt, dass er es nicht einmal selbst mitbekommen hatte. Sollte er sich freuen, dass sein Abgang ohne viel Aufhebens von Statten gegangen war? Dabei fühlte er sich noch so lebendig! Während Herr Ernst an diesem Paradoxon knackte, hörte er plötzlich ein Geräusch unter sich, das ganz eindeutig von jenem Körper herrührte, den er bis vor kurzen noch den seinen genannt hatte: Aber was war das? Dieser tiefe, regelmäßig an- und abschwellende Laut? Mein Gott, er schnarchte ja!

So rasch ging das mit dem Sterben wohl doch nicht. Die Erleichterung über seinen offensichtlich noch lebendigen Körper währte nur kurz, denn Herrn Ernsts Verwirrung gewann rasch wieder die Oberhand. Wenn er wenigstens näher an seinen Körper herankäme…! Kaum hatte er dies gedacht, begann er automatisch hinunterzuschweben.Nur noch wenige Zentimeter trennten ihn jetzt von seinem Leib. Was für ein unheimlicher Anblick, sich selbst von außen zu sehen! Wie gewohnt man sein Spiegelbild auch sein mochte, dies war noch etwas ganz anderes! Dabei hatte er gar nicht gewusst, dass er so anziehend wirkte. Jedenfalls musste es sich um eine Form physischer Attraktivität handeln, denn er verspürte plötzlich einen unwiderstehlichen Sog, der von seinem Körper ausging und unweigerlich sein Inneres in sein Äußeres lockte.

Herr Ernst fühlte wieder sein Bett, sah die Decke in anständiger Entfernung über sich und den Wasserfleck nun fast unsichtbar im fahlen Mondschein, der durch das Fenster fiel. Vorsichtig streckte Herr Ernst der Reihe nach sämtliche Glieder. Alles funktionierte vorschriftsmäßig. Wie jemand, der nach langer Bettlägerigkeit zum ersten Mal wieder aufsteht, so bewegte auch er sich nun ganz vorsichtig, als erwarte er jeden Moment zusammenzubrechen – oder schlimmer: wieder abzuheben. Doch kein Flummi-Effekt ließ ihn in die Höhe schnellen, vielmehr war er sich der Gravitation bewusster denn je, als er nun das Bett verließ. Sein Körper fühlte sich ungewohnt schwer an, ein bisschen so, als ginge er nach einer langen Schiffsreise wieder an Land. Ansonsten passte er tadellos, wie Herr Ernst nach einer guten Weile misstrauischer Beobachtung befriedigt feststellte. Allerdings hatte ihm seine angespannte Aufmerksamkeit jede Müdigkeit geraubt, so dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Doch das beeinträchtigte Herrn Ernst überhaupt nicht, wie er zu seiner Überraschung feststellte. Tatsächlich fühlte er sich ausgeruhter und frischer denn je. Darum beschloss er, dass dies vorerst seine geringste Sorge sein sollte, zog sich an, brühte Kaffee auf und ließ seinen Tag um vier Uhr morgens beginnen.

Ein paar Stunden später war er der erste Patient in der Praxis seines Hausarztes. Aus diesem Grund und langjähriger Vertrautheit gelang es Herrn Ernst den Arzt zu einem sofortigen und umfassenden Check up seines eigensinnigen Körpers zu veranlassen. Dabei verriet er dem Arzt allerdings nicht den eigentlichen Anlass seines Kommens.

„Ich habe meine Gründe, Doktor Walters, glauben Sie mir, ich habe meine Gründe! Es gab da gewisse, äußerst beunruhigende Symptome …“

„Die da wären?“

„Diesbezüglich möchte ich Sie vorerst gerne…nun…sagen wir, unbelastet lassen.“

„Sie möchten also, dass ich etwas suche, von dem ich nicht weiß, was es ist?“

„Ganz genau“, bestätigte Herr Ernst erleichtert und überhörte die Ironie geflissentlich, weil er der Meinung war, ein erfahrener Arzt müsste auch mal im Stockdunklen schürfen können.

So schwang er sich kurz darauf samt Elektroden aufs Ergometer, gab allerlei Proben ab, ließ sich abhorchen, abklopfen und durchleuchten. Mit der Versicherung, dass man ihn umgehend über die Ergebnisse informieren werde, sobald sie einträfen, machte er sich schließlich auf den Weg ins Büro. Unbehaglich fühlte er sich dabei, als könnte man ihm seine nächtliche Anomalie ansehen. In einer Arztpraxis musste man sich dessen nicht schämen, aber im Büro fürchtete er jeden Augenblick ausgestreckten Fingern zu begegnen:

„Seht mal, unser feiner Herr Ernst – ein Spinner, wer hätte das gedacht! Hat nichts Besseres zu tun, als nachts in die Luft zu gehen! Ha!“

Der kalte Schweiß brach Herrn Ernst bei dem Gedanken aus, dass es womöglich wieder, und zwar mitten an seinem Arbeitsplatz passieren könnte! Doch seine Kollegen brachten ihm nichts als Mitgefühl entgegen. Er sähe ein wenig mitgenommen aus, sollte sich schonen, hieß es. Rechte Konzentration konnte Herr Ernst an diesem Tag allerdings nicht aufbringen. Aber zu seiner eigenen Verwunderung schaffte er sein Arbeitspensum trotzdem ohne jede Schwierigkeit. Zwar schweiften seine Gedanken immer wieder ab, aber sobald sie sich einmal auf seine Unterlagen richteten, versah er seine Aufgaben mit viel weniger Anstrengung als gewöhnlich, beinahe so, als erledigte sich die Arbeit von selbst. Darüber war Herr Ernst so erleichtert, dass es ihm nicht einmal unheimlich vorkam. In Wahrheit mochte er sich kaum eingestehen, wie gut er sich fühlte. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, abends erneut in der Arztpraxis vorbeizuschauen. Mit seinen Resultaten sei wirklich nicht vor morgen zu rechnen, erklärte ihm die überarbeitete Sprechstundenhilfe gereizt. Gerne hätte Herr Ernst mit jemanden über sein seltsames Erlebnis gesprochen, doch die Angst, sich vollkommen lächerlich zu machen, hielt ihn ab. Voller Unruhe ging Herr Ernst nach Hause, nahm sein Abendessen ein und anschließend die Fernbedienung zur Hand, um sich vor dem Fernseher abzulenken. Nach dem Spätfilm blätterte er noch zwei Finanzmagazine durch, bevor er sich endlich ins Bett legte, wo er lange nicht einschlafen konnte – der Wasserfleck stach einfach viel zu sehr ins Auge.

Schließlich musste er aber doch eingenickt sein, sonst wäre er wohl nicht mit einem Mal hoch geschreckt, und zwar höher als ihm lieb war! Wie selbstverständlich schwebte er erneut unter der Zimmerdecke, genau unterhalb des riesigen Wasserflecks. War das denn die Möglichkeit…! Herr Ernst fühlte sich abgesehen von seiner Besorgnis durchaus auf den Arm genommen, er konnte nur nicht sagen, von wem. Vorsichtig lugte er nach unten – da lag er wieder! Er versuchte, sich von dem gespenstischen Anblick nicht beeinflussen zu lassen, um sich ausschließlich darauf zu konzentrieren, wie er gestern in seine leibliche Hülle zurückgekehrt war. Kaum dachte er daran, sank er tatsächlich nieder bis dicht über sein Gesicht und verspürte dann wieder jenen Sog. Kurz empfand er leichten Schwindel, dann war er auch schon wieder ganz bei sich. Froh, wie schnell und unkompliziert er die leidige Angelegenheit diesmal beenden konnte, gelang es ihm bald, das Rasen seiner Gedanken und Herzschläge zu beruhigen, bis er schließlich zum zweiten Mal einschlief.

Drei Stunden später ertappte er sich wieder beim Schweben unter der Decke. Da war doch zum Aus-der-Haut-Fahren…! Herr Ernst fühlte sich frappierend an seinen alten Hund erinnert. Dieser besaß die Angewohnheit, selbstständig Türklinken zu öffnen und sich gelegentlich aus dem Staub zu machen. Man hatte ihn einfach nicht vollkommen unter Kontrolle gehabt und konnte sich nie ganz sicher sein, was er gerade anstellte. Genauso kam er sich jetzt selber vor, weil irgendein Teil seiner selbst es aus unbekannten Gründen vorzog, statt unter der Bettdecke lieber unter der Zimmerdecke zu verweilen. Vielleicht war es ja wirklich ein gesundheitliches Warnsignal? Jedenfalls musste er sich etwas einfallen lassen, denn eine schnelle Rückkehr in seinen Körper stellte offenbar nur eine sehr kurzfristige Lösung dar. Eigentlich empfand Herr Ernst seinen Zustand – sah man einmal von der Unerhörtheit und dem unklaren Zweck ab – als durchaus angenehm. So leicht und entspannt fühlte er sich sonst nicht einmal im besten Whirlpool. Vielleicht sollte er einfach eine Weile ruhig abwarten, um zu sehen, was von allein geschah. Die Minuten verstrichen und brachten nichts als zunehmendes Wohlgefühl mit sich. Da fiel Herrn Ernst wieder ein, dass er sich ja auch bewegen konnte, sogar per Gedankenkraft, wie es schien. Vorsichtig dachte er sich nach links und wurde sogleich mit der entsprechenden Bewegung belohnt. Nach unten … nach oben … nach rechts … oh! Er konnte sogar Wände durchdringen! Schrecken überfiel ihn wieder mit großer Macht, als er plötzlich auf Höhe des dritten Stocks über der Straße schwebte – im Nichts! Doch der Sturz blieb aus. Als sei die Luft mit einem Mal zu seinem natürlichen Element geworden, hielt er sich problemlos in ihr auf. Noch einmal testete er seine Bewegungsfähigkeit behutsam in alle Richtungen – sie funktionierte auch hier draußen. Und draußen war er ohne jeden Zweifel:  Unter sich sah er den Verkehr durch die Hauptstraße schieben, er hörte das leise Rauschen einiger Bäume am Straßenrand und fühlte wie sie den Abendwind. Rings um ihn her umgaben ihn mehrstöckige Wohnhäuser, die zu dieser Zeit größtenteils dunkel waren. Nur hie und da sah er ein einzelnes erleuchtetes Fenster, bei dem er eine langsame Annäherung wagte, um hineinzuspähen. Jemand sah noch fern, ein anderer war offenbar schon zur Frühschicht aufgestanden, ein dritter brütete am Küchentisch über einer Tasse Tee. Mit einem Mal erkannte Herr Ernst das Haus, bei dem er sich gerade befand, denn die hoch aufragende Kastanie davor war ihm selbst aus großer Höhe vertraut. Hier wohnte unter anderem auch Frau Krone, die in derselben Firma wie er am Empfang arbeitete. Leider war kein Fenster in diesem Haus erleuchtet, doch trotzdem konnte es Herr Ernst nicht unterlassen, mit Hilfe seiner neu gewonnnen Freiheit einmal die gesamte Hausfront entlang zu gleiten. Da alle Menschen schliefen, gab es nicht viel zu sehen, aber er konnte sich dennoch die Reize des Fensterputzerberufes gut vorstellen. Schon wollte er sich abwenden, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung in einem der dunklen Zimmer bemerkte. Er richtete seine Aufmerksamkeit sofort darauf, während er wieder näher kam – und fast mit einer anderen Gestalt zusammenprallte! Da steuerte ausgerechnet Frau Krone direkt auf ihn zu, leibhaftig hätte er fast gedacht, wenn sie nicht auch, wie er, mitten in der Luft über der Straße geschwebt wäre. Vor Schreck und mehr noch aus lauter peinlicher Berührtheit, weil er wie ein Spanner ertappt worden war, taumelte Herr Ernst rückwärts und aktivierte dabei auf unbekannte Weise den Sog in Richtung seines Körpers. Einen Moment später lag er wieder in seinem heimischen Bett, als sei nichts geschehen.

An diesem Morgen erhielt er in aller Frühe die Nachricht aus der Arztpraxis, dass er körperlich kerngesund sei. Herr Ernst war zwar vorerst beruhigt, fühlte sich aber gehemmt denn je, ins Büro zu gehen. Denn es gab keinen Weg am Empfang vorbei. Aber wie sollte man jemandem begegnen, den man nachts nicht einfach ohne Kleider, sondern gleich ohne Körper angetroffen hatte? Das war schlimmer, als am nächsten Morgen nach einer ausschweifenden Betriebsfeier ins Büro zu kommen! Mit gesenktem Kopf betrat Herr Ernst seine Arbeitsstätte. Die Höflichkeit gebot, wenigstens zu einem kurzen Morgengruß aufzusehen. Herr Ernst hielt die Luft an und tat es. Da tauchte er ein in das Lächeln von Frau Krone, das nicht nur herzlich, sondern auch wissend war.

„Guten Morgen, Herr Ernst. Sind Sie gestern gut nach Hause gekommen? Wenn Sie mal wieder Gelegenheit haben, dann schauen Sie doch einfach bei mir vorbei!“

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Dimensionswechsel

November28

Sie kommen mich holen!

Grelles Licht verwandelt meine wohlig warme Nacht in unbekanntes Terrain. Das Licht nähert sich, drängt sich auf, brennt sich in meine Netzhaut, selbst durch geschlossene Lider. Ich taumle, trudele, bin ihnen haltlos ausgeliefert. Sie haben mich aus dem Schlaf gerissen – oder ist erst dies der Traum? Ich begreife nicht, was geschieht, spüre nur ihr unerbittliches Nahen. Ihr Licht ist wie ein Sog, der sich ausbreitet, mich unweigerlich in sich hineinzuziehen. Ich wehre mich mit Händen und Füße, stemme mich mit all meiner Angst gegen sie. Ich will nicht in ihr Unbekanntes, Gleißendes! Aber mir bleibt kein Raum, um zurückzuweichen. Von ihnen ist nichts zu erkennen. Das Licht überflutet alles und verwandelt sie in Schemen. Doch wollte ich sie überhaupt deutlicher sehen?

Ich weiß nicht, woher sie kommen. Sie dringen einfach in meine Welt ein. Warum sind sie bloß hinter mir her? Schon greifen sie nach mir, lassen mir keine Wahl. Ihre langen, kalten Finger schlingen sich um meinen Körper. Ich spüre sie! Spüre sie überall und so intensiv wie ich noch nichts im Leben gefühlt habe. Ihre Kälte ist unermesslich. Sogar ihr gleißendes Licht ist kalt, kalt und leblos. Ich schreie um mein Leben, ohne zu wissen, wer mir helfen sollte. Ich bin allein unter ihnen. Jetzt umringen sie mich, sie haben spitze Werkzeuge, mit denen sie mich traktieren. Lasst mich los! Ich will zurück! Sie beobachten und untersuchen mich, fassen mich überall an. Dann nehmen sie mich mit sich. 

Was tut ihr nur mit mir?

Sie haben ihn auf ihre Welt gebracht.

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Im Tal der Wartenden

November21

Weißblond leuchteten ihre schulterlangen Haare in der Sonne. Vor dem dunklen Hintergrund des üppigen Grüns strahlten sie besonders hell. Ich nahm sie an mich wie man ein verirrtes Jungtier mit sich nimmt, um es zu schützen und nach Hause zu bringen. Dabei wirkte sie nicht im Entferntesten so, als habe sie sich verlaufen. Vielmehr konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, sie wartete auf mich.

Ganz allein stand sie inmitten dieser grünen Hügel und Wälder, die sich makellos menschenleer dahin zogen so weit das Auge reichte. Sie stand einfach da und ließ mich zu sich kommen.
„Hallo“, grüßte ich, doch bevor ich noch fragen konnte, was sie hier tat oder ob sie Hilfe brauchte, sagte sie schlicht:

„Nimm mich mit.“

Ihre Stimme war fest, keine Spur von Angst oder Bedürftigkeit lag darin. Was sie sagte, klang nicht wie eine Bitte, sondern wie eine Aufforderung, die man nicht ausschlagen durfte, weil es so sein musste. Ich akzeptierte diese Selbstverständlichkeit und reichte ihr meine Hand. Sie ergriff sie mit überraschender Festigkeit und wandte sich ohne weitere Verzögerung Richtung Tal. Es war mir recht, schließlich streifte ich schon seit den frühen Morgenstunden in dieser Abgeschiedenheit umher. Mich hatte nach dem Grün gehungert, der Frische, der Tiefe und der Ruhe, die darin lag.

Wir wanderten wohl eine Stunde. Meinen Fragen war sie ausgewichen, wo sie wohnte, mit wem sie gegangen war, wie sie auf die Hügel so weit ab der Stadt gelangte. Mehr als ein paar Silben bekam ich nicht aus ihr heraus, zumal sie sogleich mit irgendeiner Spielerei der Natur ablenkte – auf einen Schmetterling zeigte, mir auf ihrer kleinen Hand einen bunten Käfer zur Bewunderung darbot oder sich für einen Moment von meiner Hand losriss, um ein paar Räder zu schlagen. Ich beschloss, nicht weiter in sie zu dringen, sondern unseren Spaziergang zu genießen. Es gefiel mir, die Kleine um mich zu haben. 

Die Gegend war weitläufig und offizielle Wege gab es kaum. Trotzdem orientierte ich mich hier gewöhnlich schnell, da ich schon so oft hergekommen war. Doch diesmal bereitete es mir wider Erwarten Schwierigkeiten, uns auf direktem Weg ins Tal zu bringen. Einmal sah ich irritiert eine Baumgruppe, die ich hinter einem bestimmten Hügel nicht erwartet hätte. Dann wieder blickte ich beinah argwöhnisch auf eine besonders schöne Wildblumenwiese, die in meiner Erinnerung überhaupt nicht existierte. Ich musste wohl in eine mir unbekannte Gegend geraten sein und beschloss, nun nur noch abwärts zu laufen. Früher oder später kämen wir so zumindest irgendwo im Tal heraus.

Um ein Waldstück zu umgehen, mussten wir einen weiteren Hügel umrunden. Dahinter lag zu unserer Überraschung ein großes Anwesen, das nahezu gänzlich aus dunklem Holz gemacht schien. Was für kleine Berghütten üblich, wirkte bei diesem großen Haus, an das sich im Quadrat kleinere Nebengebäude anschmiegten, ungewöhnlich. Man hätte es in der Anlage für einen Bauernhof halten können, wenn der Eindruck nicht so erhaben gewesen wäre. Aber vor allem sprach dagegen, dass nicht der geringste Laut auf tierische oder andere Bewohner schließen ließ. Trotz der gespenstischen Ruhe konnte ich nicht glauben, das ganze Anwesen verlassen zu sehen. Zielstrebig betrat ich mit der Kleinen an der Hand den Hof. Doch ehe ich noch auf die zweiflügelige Eingangstür zugehen konnte, überfiel mich die Erkenntnis wie ein Blitzschlag. Im selben Moment fühlte ich auch das kleine Mädchen neben mir zusammenschrecken. Schlagartig wusste ich, wessen Gehöft dies war und ein eiskalter Schauer lähmte mich: Winter lebte hier. Ein undurchsichtiger Mann, der für seine unlauteren Machenschaften und sein rücksichtsloses Wesen berüchtigt war.

Mit dem nächsten Angstschub schüttelte ich meine Starre ab, riss die Kleine herum und verließ im Laufschritt den Hof. Nur schnell, nur fort. Aber bald geriet ich ins Stocken. Hatte die Panik meine Sinne verwirrt? Desorientiert blickte ich über die Hügel, die mir nun so unbekannt vorkamen.

Kaum entschwand ein Teil der Landschaft aus unseren Augenwinkeln, schien er gleich darauf wie ausgetauscht und verwandelt, sobald wir unsere Aufmerksamkeit  wieder darauf richteten. Mit jeder Minute nahm der Effekt zu. Bald kam es uns vor, als liefen wir über eine Bühne, deren Kulissen beständig verschoben wurden. Wie gejagtes Wild hetzten wir über die Wiesen, stoppten irritiert, suchten Orientierung, nur um in die entgegen gesetzte Richtung zurück zu laufen. Wir waren in Winters Fängen.

Während wir rannten und sich die Landschaft fortlaufend änderte, erschienen immer mehr Menschen auf den Hügeln. Die abgelegene Gegend zivilisierte sich zunehmend, auch andere bewegten sich suchend vorwärts, die meisten aber standen herum und warteten. Bald waren sie keine einzelnen Personen in der Ferne mehr, sondern Grüppchen ganz in unserer Nähe. Auch Polizei ging inzwischen umher. Teile des Geländes wurden offiziell abgeriegelt. Wir kamen immer näher. Die Menschen verhielten sich wie nach einem außergewöhnlichen Vorfall, mit dem niemand recht umzugehen wusste. Und sie warteten. Auf das Zeichen der Polizei sich wieder normal verhalten zu dürfen und ihren gewohnten Tätigkeiten nachzugehen. Ich wollte nicht warten und auch die Kleine, die meine Hand die ganze Zeit fest umklammert gehalten hatte, drängte weiter vorwärts. Schließlich liefen wir einem Sicherheitsbeamten direkt in die Arme. Er drängte uns zurück.

„Warten Sie! Warten Sie da hinten mit den anderen!“, rief er uns entgegen.

Er wirkte selbst gehetzt von den vielen Leuten, die er in Schach halten sollte. Für den Moment mussten wir einlenken und wandten uns zur nächstgelegenen Gruppe Wartender. Es waren ein paar Männer und Frauen mittleren Alters, die sich mit Small Talk die Zeit vertrieben. Einen Augenblick lang wollte ich mich ihnen anschließen. Vielleicht war es das Beste hier ruhig stehen zu bleiben, abzuwarten, was passierte, und endlich etwas auszuruhen nach unserem langen Laufen.

Heftig zog mich das kleine Mädchen am Arm. Sie sagte nichts, aber offensichtlich fühlte sie sich hier nicht wohl und wollte fort. Als ich den Blick von ihr wieder auf die Leute lenkte, wusste ich plötzlich wieso. Die Einsicht raubte mir beinahe den Atem: Diese wartenden Menschen waren die Bewohner des Tales. Vielmehr – sie würden es sein. Ich erkannte sie wieder und wusste doch nicht mehr, wo in der Zeit ich mich gerade befand. Diese Menschen hier waren mir vertraut aus meinem bisherigen Leben, vom Sehen im Alltag, sie gehörten zum Stadtbild. Gleichzeitig wusste ich, dass sie so, wie sie nun vor mir auf dem Hügel standen, noch gar nicht in dieses Tal gehörten. Sie befanden sich erst am Anfang einer langen Entwicklung. Denn von nun an würden sie nur noch warten. Und dieses Warten dauerte nicht Stunden, nicht Tage, sondern ihr ganzes Leben lang. Irgendwann zwischen Plauderei und Geplänkel würden sie vergessen, dass sie warteten und worauf. Stattdessen würden sie sich der Ablenkung halber ein ganzes Leben, einen ganzen Alltag unten im Tal aufbauen, um sich zu beschäftigen. Das Tal war überhaupt nur deshalb bewohnt, weil Menschen meinten, ihre Zeit überbrücken zu müssen. Solange, bis man ihnen sagte, worum es eigentlich ging. Aber offensichtlich käme niemand, es ihnen jemals zu sagen. Schlimmer noch: Sie würden es bald nicht einmal mehr wissen wollen, sondern fraglos alt werden und sterben.

Ich wusste nur eines: Um keinen Preis wollte ich mit ihnen warten.

Das Mädchen neben mir war fort.

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Der doppelte Asiat

November6

Mit katzenhafter Geschmeidigkeit schob er sich direkt hinter sie und ohne irgendein anderes Geräusch zu verursachen flüsterte er direkt in ihr Ohr: „Mein Name ist Tan San.“

Sie war überrascht, dass man einen Asiaten geschickt hatte, doch dann begriff sie: Es musste ein Vorteil sein. Als er aus ihrem Schatten trat, überraschte er sie zum zweiten Mal: Er war jung. Sehr jung. Zumindest sah er aus, als sei er höchstens Anfang zwanzig. Aber sie wusste, dass niemand zugelassen wurde, der seine Fähigkeiten nicht gründlich unter Beweis gestellt hatte. Sie konnte ihm vertrauen.
 
Kaum drei Tage hielt sie sich schon in der Stadt auf. Wie alle ihrer Organisation war sie einem Kult auf der Spur und diesmal hatte sie ihn bis in sein Zentrum verfolgt. Hier, im Herzen dieses Ortes, befand sich eine geheime Tempelanlage. Tatsächlich war sie jedem zugänglich, eine Ruine, die sich wie andere Relikte alter Zeit touristisch unverbindlich besichtigen ließ. Doch noch immer existierten Anhänger des Kultes, die sich ganz in der Nähe aufhielten, um die Stätte für ihre Riten zu gebrauchen. Soviel hatte sie bislang herausgefunden, und durch das Beschatten einzelner Kultanhänger war sie schließlich selbst zur Tempelanlage geführt worden. Doch wider Erwarten nicht als erste. Denn Tan San berichtete: „Ich bin schon seit zwei Monaten hier und habe Zugang.“

Ihre Verwunderung hielt sich in Grenzen, sie wusste, die Taktiken der Organisation waren selten durchschaubar. Aber offensichtlich vermutete man hinter der kultischen Tarnung nicht die besten Absichten und politische Ambitionen dazu. Ihr jedoch genügte es, das Ziel ihres Auftrags zu kennen. Es zu erreichen, ließ man ihr freie Hand.

„Als erstes werde ich dich mit der Stadt vertraut machen“, bestimmte Tan San.

Sie war nur wenig Weisung gewohnt und konterte leicht gereizt: „Ich kenne mich aus.“

„Nicht genug“, entgegnet er ungerührt.

Dann führte er sie herum und erklärte so anschaulich die einzelnen Orte, dass ihre Mission für Momente in den Hintergrund trat und sie sich wie auf einer Sightseeingtour fühlte. Tan San wäre der ideale Reiseführer: informativ, ohne zu langweilen, voller Wissen, aber unterhaltsam. Sie musste sich eingestehen, dass er die Stadt weit besser kannte als sie nach dreitägigen Streifzügen. Offenbar war er nicht zum ersten Mal hier.

„In dieser Kneipe treffen sich einige von ihnen, gewöhnlich am Wochenende“, band er beiläufig wertvolle Rechercheergebnisse in den Rundgang ein. „Pass auf, diese Straße wird besonders gut überwacht.“

Konzentriert prägte sie sich alle Daten ein und integrierte sie in ihren mentalen Stadtplan. Nachdem er ihr alles gezeigt hatte, war sie begierig darauf, mit ihm in die Tempelanlage zu gehen. Doch er hielt sie zurück.

„Zu zweit sind wir zu auffällig, wir sollten uns nicht so oft zusammen zeigen. Jetzt waren wir schon lang genug gemeinsam unterwegs.“

Er überlegte einen Moment, dann fügte er hinzu: „Außerdem werden sie dich nicht ohne Weiteres tolerieren, ich bin selbst nur der Begleiter eines anderen. Darum gehe ich allein.“

„Gut, wie du meinst. Wie lange wirst du brauchen? Soll ich in mein Hotel gehen?“

Tan San schüttelte den Kopf mit einer minimalen Bewegung, die eher von seinen Augen auszugehen schien.

„Nein, besser nicht in dieser Gegend. Ich will, dass du sicher bist.“

„Was also dann?“

Tan San überlegte kurz und erklärte dann: „Hier ganz in der Nähe wohnt eine Freundin von mir. Ich werde dich zu ihr bringen. Wir können ihr vertrauen.“
 
Obwohl sie inzwischen wusste, dass seine Aussagen stichhaltig waren, fragte sie unterwegs misstrauisch: „Weiß sie, was du tust?“

Stillschweigen gehörte gewöhnlich zu den Auflagen jeder Mission ihrer Organisation.

„Nein, aber sie stellt keine Fragen.“

Auf einigen Umwegen liefen sie dann in einen der Vororte, wo Tan San sie zu einem weißgetünchten Haus brachte. Auf den ersten Blick wirkte es unauffällig, noch dazu stand es hinter hohen Erlen verborgen. Doch hatte man erst einmal das Grundstück betreten und näherte sich durch den dicht bewachsenen Garten dem Eingang, erkannte man sofort die ungewöhnliche Sorgfalt und Liebe seiner Pflege. Alle Pflanzen schienen hier besser zu gedeihen als anderswo, so, als wetteiferten sie untereinander mit der Schönheit ihrer Farben und der Intensität ihres Grüns. Das Haus selbst leuchtete ebenfalls wie aus jedem Winkel, blaue Fensterläden und eine gleichfarbige Holztür setzten sich prägnant vom strahlenden Weiß der Fassadenfarbe ab.

Eine junge Japanerin, sie mochte nur ein paar Jahre älter als Tan San sein, öffnete ihnen die Tür mit einem freundlichen Lächeln.

„Gut, dass ihr da seid. Ich habe euch schon erwartet.“

Der Besuch schien sie nicht zu überraschen, obwohl Tan San keine Gelegenheit hatte, ihr vorher Bescheid zu geben. Nach kurzer Vorstellung verschwand er wieder, setzte die Informationssuche fort und ließ die beiden Frauen allein. Die Asiatin hieß Li Seng. Ihr Wesen strahlte dieselbe Wärme und Offenheit aus wie das Haus. Li Seng zeigte ihr sogleich alle Zimmer – es waren mehr, als man dem Haus von außen zugetraut hätte. Sie war froh, dass Li Seng sie in eine der behaglichen Räume eine Weile für sich sein ließ. Seit ihrer Ankunft in der Stadt hatte sie fast ununterbrochen gearbeitet, war Tag und Nacht herumgestreift, um mit intensiver Aufmerksamkeit die Stadt zu scannen, hatte gehorcht, geschaut, Informationen beschafft und Schlüsse gezogen. Denn sie war überzeugt, die Mission laste allein auf ihren Schultern. Es erleichterte sie sehr, dass die Organisation auf ein doppeltes Team setzte, sodass sie jetzt einen Moment ausruhen konnte.

Als sie später mit Li Seng bei gebratenen Reis und Chop Suey saß, stand plötzlich Tan San im Raum. Wieder hatte er sich katzenhaft leise bewegt. Sie musste ihn gelegentlich auf seine Schleichkünste ansprechen, denn ihr Gehör war es nicht gewohnt, dass ihm jemand entkam. Jetzt aber wirkte der sonst so ausgeglichene Asiat offenbar von einer dringlichen Botschaft heftig beunruhigt. Hastig zog er sie beiseite – es wäre nicht nötig gewesen, denn Li Seng hatte sich nach einem kurzen Gruß sofort taktvoll zurückgezogen.

„Es gibt Veränderungen!“, berichtete Tan San schnell. „Sie haben den üblichen Verlauf der Rituale unterbrochen. Das kam noch nie vor, soweit ich weiß! Heute Nachmittag gab es keinen Einlass in die geheimen Bereiche der Anlage. Jedenfalls nicht für mich und diejenigen, mit denen ich ging.“

„Was ist denn passiert? Ahnen sie etwas?“

„Ich weiß nicht, was der Auslöser ist. Mag sein, sie sind vorsichtiger geworden. Aber es ist etwas Besonderes im Gange. Ich habe Gerüchte gehört, dass es heute Nacht eine Versammlung geben soll.“

„Gut, dann gehst du hin und ich hör mich in der Stadt um.“

Tan San legte die Stirn in Falten. Der sorgenvolle Ausdruck ließ ihn um erstaunliche Jahre altern.

„Nein, du verstehst nicht. Mein einziger Erfolg war es, zu den gewohnten Zeremonien zugelassen zu werden und auch nur zu den niederen Ritualen. Jetzt herrscht offenbar eine Art Ausnahmezustand und es kommen nur hochrangige Kultanhänger überhaupt noch in die Anlage hinein. Unser mühsam errungener Vorteil ist hinfällig.“

Sie wäre nicht die Spezialistin für aussichtslose Lagen gewesen, wenn diese Nachricht nicht ihren Ehrgeiz geweckt hätte. Ein Notfallplan entwickelte sich wie von selbst in ihrem Kopf.

„Wir müssen observieren. Ab sofort, bis zur Versammlung. Wenn wir nicht hinein können, folgen wir ihnen wenigstens so weit es geht. Wir werden jeden Brocken Information auflesen, den sie im Umkreis der Ruinen fallen lassen. Und sie werden unachtsam sein, denn sie sind in Aufruhr.“

Tan San nickte und zückte einen Stadtplan, um ihre Routen genau festzulegen. Getarnte Patroullie, die jeder Außenstehende für einen ziellosen Stadtspaziergang halten würde. Tan San sollte dabei noch in das Haus von Bekannten einkehren, in denen er ebenfalls Mitglieder des Kultes vermutete, daher ging er zuerst. Sie ließ ihm einen kurzen Vorsprung und verabschiedete sich von Li Seng, der perfekten Gastgeberin. Diese lächelte nur leise als Antwort auf den Dank und drückte ihr sacht ein kleines Glas in die Hand.

„Nehmen Sie, es soll Ihnen gehören!“

Vor Überraschung ließ sie das filigrane Gefäß fast fallen. Denn wohl vertraut erschienen ihr das schwarze japanische Zeichen und die rote Rose, welche auf das Glas gedruckt waren.

„Das gibt es doch gar nicht! Zu Hause habe ich ein Schälchen mit genau denselben Symbolen. Und ich habe mich immer gefragt, was sie bedeuten.“

Li Seng lächelte wieder ihr kleines, stilles Lächeln: „Es bedeutet Erkenntnis. Ich hatte das Gefühl, es sollte ihren Abschied begleiten.“

Das Wort „Abschied“ versetzte ihr einen Stich. Für einen Moment wurde sie sehr traurig, Li Seng zu verlassen, so, als kenne sie diese sanfte Frau schon sehr lange. Gleichzeitig wunderte sie sich über ihre Gefühlsanwandlungen wie über den merkwürdigen Zufall mit dem Glas. Doch pflichtbewusst riss sie sich los und machte sich rasch auf den vorbestimmten Weg.

„In diesem Viertel vermute ich eine Reihe von unterirdischen Verbindungsgängen“, hatte ihr Tan San während der gemeinsamen Tour am Morgen zugeflüstert und mit einer weiteren seiner minimalen Kopfbewegung auf eine Ansammlung von Häusern in der Nähe gedeutet.

Fortan heftete sie ihr Augenmerk auch auf jedes kleine Zeichen am Boden, das ihr ungewöhnlich schien. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie dem Kern näher kam.

Die Gesichter ihrer Zielpersonen, jene Ranghöchsten des Kultes und Drahtzieher der Untergrundorganisation, waren in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie hätte sie lebensecht nachzeichnen können. Doch keines der Phantombilder ähnelte auch nur annähernd den Personen, die ihr begegneten. Selbst Tan San hatte bei seinen wenigen Besuchen der Anlage niemals jemanden zu Gesicht bekommen, der auf die Beschreibung passte. Heute aber war sie sich sicher: Eine außerordentliche Versammlung würde es nicht ohne Führungselite geben. Selbst wenn sie Verdacht geschöpft hatten, war dieser Ausnahmezustand eine Chance, den Kult aufzudecken und seine Anführer festzusetzen.  
Plötzlich ging Tan San neben ihr, als hätte er seit Stunden nichts anderes getan. Äußerlich wirkte er wie ein zufälliger Promenadenbummler, nur die Anspannung in seiner Stimme verriet ihn.

„Wir kommen in den Tempel! Ich habe einen Zugang organisiert. Sei in einer Viertelstunde an der Ruine.“

Sie nickte rasch, bevor er hinter der nächsten Ecke ins Nichts abbog. Während sie ein paar kleine, wohldurchdachte Umwege lief, wunderte sie sich, wie Tan San sie stets so zuverlässig aufspüren konnte, fast, als benutze er einen Radar…

Mit unauffälliger Pünktlichkeit erreichte sie die alten Ruine, einem der Eingänge zur geheimen Tempelanlage. Schon von weitem entdeckte sie Tan San inmitten einer kleinen Gruppe. Mit einer seiner minimalen Kopfbewegungen winkte er sie herbei, um sie den anderen vorzustellen. Er bürgte für sie. Immerhin war leichtes Misstrauen spürbar, schließlich kannten die anderen Mitglieder selbst Tan San kaum. Dann wandten sie sich gemeinsam zur Ruine. Sie wusste bereits, dass es hier in der Nähe Eingänge zur unterirdischen Anlage geben musste. Tatsächlich waren sie auf Karten verzeichnet, aber offiziell wurden sie niemals der Öffentlichkeit preisgegeben – aus Sicherheitsgründen, hieß es.

Vor Erstaunen verschlug es ihr fast den Atem: Diese Größe hatte sie nicht erwartet. Die unterirdische Anlage entpuppte sich als hohe Halle mit meterhoher Decke. Noch mehr beeindruckten sie die weit ausladenden Tribünenränge, die wie ein antikes Amphitheater im Oval angeordnet waren. Mit den anderen erklomm sie viele Stufen, um einen noch freien Rang zu erreichen. Die meisten waren bereits besetzt. Nie hätte sie eine derart große Anhängerschaft des Kultes vermutet. Als sie ihren Blick über die Menge schweifen ließ, fiel ihr auf, wie viele Asiaten sich unter den Versammelten befanden. Sie verstand  nun besser, warum die Organisation Tan San geschickt hatte. Trommelschläge hallten von den steinernen Wänden zurück, ihr Echo flog in scheinbar unendlichen akustischen Spiegelungen zwischen den Mauern hin und her. Zudem mussten die verschiedenen Trommeln so vielfältig sein, dass ihre Rhythmen melodiös wirkten.

Als die Ränge gefüllt waren, folgten einige Gongschläge und Stille kehrte ein. Ein ausschließlich weiß gekleideter Mann trat in die Mitte der Arena. Sie erwartete eine Rede, eine Lagebesprechung oder Diskussion, doch er äußerte kein Wort. Stattdessen schien sich die Stille zu verdichten. Dann begriff sie, dass alle Kultmitglieder in einen Meditationszustand oder etwas Ähnliches wechselten. Es fiel ihr nicht schwer, ebenso konzentriert wie sie auszusehen. Nach einer langen Zeit ertönten einige Gongschläge, worauf sich eine gewisse Unruhe verbreitete. Sie bemerkte, wie einige Holzschalen in der Art einer Kollekte durch die Reihen gereicht wurden. Hastig warf sie Tan San einen fragenden Blick zu. Auch er suchte in seinen Taschen und zog schließlich einige Stäbchen hervor. Die meisten waren weiß wie die der anderen. Durch eine geschickte Seitenbewegung steckte ihr der katzenhafte Tan San zwei Stäbchen zu und bedeutete ihr, diese übereinander zulegen. So platzierte sie das orangefarbene Stäbchen über das schwarze und nahm an, dass diese Farben sie als Adepten kennzeichneten. Froh, nicht aufgefallen zu sein, merkte sie zu spät, dass zwei von Tan Sans Begleitern sie allzu argwöhnisch betrachteten. Hielt sie die Stäbchen falsch? Standen ihr die Farben doch nicht zu? Obwohl allgemein nicht gesprochen wurde, versuchte Tan San die zwei zu beruhigen. Gleichzeitig spannte sich sein Körper und sie wusste, dass er fluchtbereit war. Er gewährte seinen Worten noch eine Minuten; als sie wirkungslos blieben und seine Begleiter bereits näher heranrückten, gab er das Kommando. Zum ersten Mal beschränkte er sich nicht auf eine minimale Bewegung seines Kopfes, sondern riss ihn mit einem Ruck ganz herum, warf ihr den entscheidenden Signalblick zu und war noch im selben Moment aufgesprungen, um über zwei Ränge Richtung Aufgang zu hechten –sie tat es ihm nach. Die Menge war durch die plötzliche Bewegung überrascht, sodass sie einen kurzen Vorsprung gewannen. Doch nur Sekunden später prasselten die Schritte einer großen Gruppe dicht hinter den Flüchtigen auf das Straßenpflaster. Unerbittlich trieben die Kultanhäger sie durch die Stadt, ohne ihnen im Tempo nachzustehen. Doch es war spürbar, dass Tan Sans Bewegungen ihre Aufmerksamkeit bannten. Sie waren voll expressiver Kraft und Eleganz. Mit einem einzigen Satz überwand er einen großen Schutthaufen und wieder erinnerte er an eine Katze. Mit geschmeidigen Bewegungen vergrößerte er den Abstand zu ihren Verfolgern. Doch während sie nur rannte und sich allein auf ihre Schnelligkeit konzentrierte, schien er seinen Lauf mit bestimmten Gesten zu verbinden. Erst glaubte sie sich zu täuschen, aber immer wieder bekam sie den flüchtigen Eindruck, als baue Tan San Bewegungen wie aus einer Kampfeskunst in seine Flucht ein. Voller Erstaunen erkannte sie plötzlich, dass sein Körper den tibetischen Buchstaben A formte, eine physische Unmöglichkeit eigentlich, doch besaßen die Bewegungen seiner Gliedmaßen solche suggestive Kraft, dass der Ausdruck unmittelbar die Vorstellung jenes verschnörkelten Buchstabens „A“ hervorrief. Dabei völlig lautlos, war nur der scharfe Luftzug seiner Gesten hörbar. Langsamer wurde der Lauf ihrer Verfolger, was immer sie wahrgenommen hatten, es beeinflusste sie: Irritiert hielten sie ein, als sei es ihnen mit einem Mal unmöglich geworden weiterzulaufen.

„Was war denn das?“, fragt sie Tan San, nachdem sie ihre Verfolger endgültig abgehängt hatten.

„Chi“, erwiderte er kurz und wechselte dann sofort wieder zum Materiellen. „Wir sollten uns besser trennen.“

Ein kurzes Stück gingen sie noch gemeinsam, dann ließen sie eine Kreuzung ihren Weg spalten.

Sie versuchte, sich wieder einer belebteren Gegend zu nähern. „Willst du untertauchen, suche das Meer!“, war einer der ersten Regeln gewesen, die sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Und sie brauchte jetzt unbedingt die Brandung der Menschenmassen, die sie schützend in ihren Strom aufnahm. Schnell fand sie den Weg zurück in die Stadt und entschleunigte ihren Lauf. Nur nicht auffallen. Das einzige, was ungesehen rasen durfte, war ihr Herz. Die Normalität der Leute beruhigte sie etwas, trotzdem checkte sie ständig das Umfeld, ob die Verfolger nicht wieder erschienen. Wachsam sein! Wachsam sein! Sie bog in eine große Innenstadtpassage ein und zwang sich, die Geschäftsauslagen zu betrachten. Doch die Ladenfenster waren ihr kaum mehr als stumpfe Spiegel, die ihr den Rücken freihielten. Dass Tan San es geschafft hatte, bezweifelte sie nicht im Mindesten. Das Chi dieses Katzenmannes würde ihn retten.

Sie erlaubte sich minimale Entspannung, drehte sich um und ließ ihren Blick über das Treiben in der Passage schweifen. Ein Asiat fiel ihr ins Auge, weit hinten noch und trotzdem machte er sie stutzig. Irgendetwas an ihm war merkwürdig. Kurz fixierte sie ihn scharf: Er war in mittleren Jahren, trug eine dunkelgrüne Leinenjacke und nicht mehr allzu viel Haar. Mehr konnte sie auf die Distanz nicht erkennen. Warum nur wirkte er so seltsam, wo er doch nicht unter den Verfolgern gewesen war? Seine Präsenz alarmierte sie körperlich als sei er eine unmittelbare Bedrohung. Plötzlich rempelte eine Frau sie im Vorbeigehen an und riss ihre Aufmerksamkeit fort. Kaum zwei Sekunden ließ sie den Asiaten aus den Augen, aber ihr stockte der Atem, als sie ihn nach der Ablenkung in der Menge wieder fand. Er stand nun fast vor ihr. Nur wenige Meter trennten sie voneinander, obwohl es unmöglich war, diese Distanz in so kurzer Zeit zu überwinden – zumal angesichts der Menschenmenge. Noch unbegreiflicher war, dass der Asiat mit einem Mal verjüngt schien. Ohne Zweifel handelte es sich um denselben Mann und doch wirkte er plötzlich zwanzig Jahre jünger. Sie war hoch alarmiert und starrte gleichzeitig wie gebannt auf diese unglaubliche Veränderung. Schlagartig wurde ihr klar, wen sie hier vor sich hatte. Der Asiat musste zum Kult gehören. Sein Gesicht kannte sie zwar nicht von Fahndungsfotos oder Phantombildern. Trotzdem war ihr Instinkt eindeutig. Wie zur Bestätigung veränderte sich der Asiat noch einmal. Nun sah sie ihn plötzlich wieder am Ende der Passage, doch nahm sie ihn diesmal zur selben Zeit auch als den jüngeren Mann in ihrer Nähe wahr. Der Asiat war doppelt!

Sie zitterte am ganzen Körper und wusste mit Gewissheit, dass sie es nicht nur mit irgendeinem Kultmitglied zu tun hatte. Nein, der Asiat musste ihr Anführer sein. Er hatte sich so perfekt hinter seinen Leuten versteckt, dass niemand auch nur sein Äußeres kannte, das im Übrigen offenbar flexibel war. Noch immer stand sie schreckstarr da und hätte nicht einmal fliehen können, wenn sie es gewollt hätte. Denn diesen Willen hatte sie soeben angesichts seiner Fähigkeiten als nutzlos erkannt. Er konnte seine Physis und seine Bewegungen problemlos manipulieren, wie schnell hätte er sie da eingeholt! Dann stand er dicht vor ihr, sodass sie ihn nur noch in einfacher Ausführung sah. Doch sein Gesicht wechselte ständig zwischen der jungen oder der alten Form, so nah an dem ihren, dass es niemand anderem auffallen musste. Seine Augen blieben immer von demselben klaren Tiefgrün, das von innen heraus zu leuchten schien. Er lächelte sie an und erstaunt bemerkte sie, wie sich ihr Körper entspannte. Zwar blieb sie in höchstem Maße aufmerksam, doch die körperliche Angst und Fluchtbereitschaft fielen von ihr ab.

Er sprach kein Wort und doch fühlte sie plötzlich ein Wissen in ihrem Geist, das nur von ihm stammen konnte. Ganz klar sah sie nun, was der gefürchtete Kult wirklich war. All die Geheimhaltung, die Rituale und Zusammenkünfte galten gar keinen verschwörerischen, politischen oder gar kriminellen Zielen. Man hatte diese Gerüchte nur zur Tarnung absichtlich geschürt und sie erkannte den Humor darin. Denn in Wahrheit gab es nichts, was man mit Berechtigung „Kult“ nennen konnte. Die Menschen, die in jener Ruine zusammenkamen, versuchten nur eines: Dem doppelten Asiat, der nun vor ihr stand, nachzueifern und seine Fähigkeiten selbst zu entwickeln. Denn er jonglierte mit der Raumzeit. Er war ein Artist des Universums. Und lachend sah sie, dass sie alle demselben Zirkus angehörten.

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Der Gangsitzer

Oktober15

„Am Gang, bitte“, ordert er bei der Reservierung und bekommt seinen ausdrücklichen Wunsch erfüllt. Der Bahnbeamte hinter dem Schalter vermutet latente Angstzustände bei ihm. Dabei will der Gangsitzer im Prinzip schlicht dasselbe wie alle Reisenden: Die Aussicht genießen.

Wenn ihn jemand nach seinen Vorlieben fragt, so antwortet er stets: „Ich reise gern.“

Obwohl das nur die halbe Wahrheit ist oder vielmehr: weit über die Wahrheit hinaus weist. Denn beim Unterwegssein geht es dem Gangsitzer weder um Ziel noch Aufenthalt. Was er liebt, sind die Züge voller unterschiedlicher Menschen und er reist, nur um Zug zu fahren. Er genießt es, die verschiedenen Typen und Gestalten insgeheim zu studieren. Ihre Eigenarten herauszufinden, wird ihm zum selben Vergnügen, wie ein anderer das Besondere der Landschaft betrachten mag. Nirgendwo sonst kann der Gangsitzer seiner Leidenschaft besser frönen als im Zug. Denn hier umgeben ihn nicht die immer gleichen Gesichter derselben Stadt oder die beschränkte Besucherauswahl eines Restaurants. Nein, im Zug ziehen die verschiedensten Menschen an ihm vorbei oder begleiteten ihn eine übersichtliche Weile, während er sich bequem zurücklehnen kann.

Einer einzigen Frau hatte er von dieser Vorliebe erzählt und war auf Unverständnis gestoßen.

„Du bist ja zugsüchtig!“, beschimpfte sie ihn schließlich, bevor sie ihn verließ, weil er nie zu Hause war. Seitdem stellt er sich lieber gleich als Geschäftsreisender im Außendienst vor.

Als der Zug diesmal einfährt, steht er fast allein im ausgewiesenen Bahnsteigbereich der ersten Klasse. Nicht, weil er die Fahrt besonders luxuriös genießen wollte, sondern nur einem persönlichen Ritual folgend. Dabei weiß er sehr wohl, dass sich sein Platz im vorletzten Wagen der zweiten Klasse befindet. Da sprintet schon ein ansehnlich langer Intercity in den Bahnhof. Der Gangsitzer freut sich über jeden einzelnen Waggon: Es wird ein langer Weg werden bis zu seinem Platz, ein sehr langer und aussichtsreicher. Mit ihm tritt eine große, bunte Mischung Mitreisender denselben Gang an. Kaum im Zug, steht der Gangsitzer eingepfercht zwischen Trolley, Mensch und Collie. Vorwärts wie rückwärts geht erstmal gar nichts und niemand mehr. Genug Zeit, sich in Ruhe umzuschauen. Endlich setzt im Zug zähfließender Verkehr ein. Zentimeter für Zentimeter arbeitet sich der Tross vor. Schieben, drücken, schwanken – man kommt sich näher. Noch ist die menschliche Sicht des Gangsitzers begrenzt: Das stämmige Colliefrauchen hier, ein baumlanger Typ mit geschulterter Sporttasche dort versperren den Blick in jede Richtung. Aber es wird besser. Allmählich stimmen sich die Neuzusteiger auf ein gleichmäßiges, wenn auch langsames Tempo ein. Vom Hauptstrom zweigen immer mehr Menschen ab und lassen sich auf freie Plätze treiben. Der Gangsitzer weiß, dass für die meisten Platzangst im Zug eine ganz neue Bedeutung bekommt: Denn hier ist es die Furcht, stundenlang stehen zu müssen, nachdem man sich mal wieder die Sitzplatzreservierung für eine Hauptreisestrecke gespart hat.

Inzwischen erreicht der Gangsitzer die Kegelklubklasse. So nennt er bei sich jene Großraumabteile, die bei Vereinsausflügen von den Mitgliedern annektiert und kurzerhand zum mobilen Clublokal erklärt werden. Man trinkt und singt. Jeder Passagier wird in den feuchtfröhlichen Dunstkreis eingeladen.

„Auch ein Schnäpschen?“, fragt den Gangsitzer eine üppige Mittfünfzigerin.

Er schüttelt den Kopf und bemüht sich sehr, nicht durch ein plötzliches Ungleichgewicht auf ihrem Schoß zu landen.

Da lässt sich die Colliefrau samt tierischem Anhang in einer Ecke nieder und gibt endlich Blick und Weg frei. Die ersten suchenden Fahrgäste haben schon kapituliert und die Notsitze im Gang ausgeklappt. Doch ein kleiner Slalom hält den Gangsitzer nicht auf. Er arbeitet sich weiter vor und trifft dabei auf die perfekte Verbindung aus flachem Bauch und schmaler Taille. Ihre enge Hüfthose hängt dabei so tief, dass er wetten möchte, sie hat ein Steißtattoo. Sein Blick trifft sie im Rücken. Sie hat.

Mit einem Mal dringen Spanischfetzen an sein Ohr. Ein wild gestikulierendes Pärchen steht im Gang, beide attraktiv und hilflos. Da wendet sich ihnen eine Mitreisende zu, blickt in ihre Tickets und erklärt ihnen in wohlgesetztem Spanisch eine Fahrplanänderung. Trotzdem ist die Verbindung offenbar noch nicht klar, bis sich eine zweite Reisende über den Gang beugt und ebenso Spanisch versteht und erklärt. Als endlich ein Zugbegleiter vorbeikommt und ohne Zögern in die Fremdsprachendiskussion einsteigt, fragt sich der Gangsitzer verwundert, ob er gerade eine bilinguale Zone durchquert.

Nachdem die Sprachbarriere beseitigt ist, kommt er endlich an dem Pärchen vorbei. Ein paar Backpacker bieten mit ihren überdimensionalen Rucksäcken den anderen Fahrgästen ein Hindernisrennen an. Zwei junge Familien mit ungezogenen Kindern suchen optimistisch noch komplett freie Abteile. Weiter hinter sind die Gänge fast überall frei, die meisten Passagiere längst auf ihren Plätzen. Selbst der Gangsitzer kann es nicht länger hinauszögern. Nur noch ein Wagen, denkt er bei sich, und fühlt etwas wie Enttäuschung.

Schließlich hat er seinen Aussichtssessel erreicht. Befriedigt stellt er fest, dass der Großraumwagen fast voll besetzt ist. Das gibt ihm eine neue Perspektive. Wohlig lehnt er sich in seinen Sessel zurück, zeigt eine ausdruckslose Miene und beginnt sich mit unauffälliger Systematik umzusehen – eine Stunde lang.

In Köln ist er dann erst einmal ohne Anschluss, umringt von einem Rudel Studierender. Auf Bahnsteigen zu warten empfindet er zwar als wenig komfortabel, dafür entschädigt ihn die größere Abwechslung des Programms. Aufmerksam betrachtet er die bunt gemischte deutsche Bildungselite in seiner Nähe. Ein elegant gekleideter junger Mann fällt ihm besonders auf und er bekommt Lust zu raten: Jura? BWL?, spekulierte er innerlich. Aber der Titel der studentischen Lektüre gibt andere Auskunft: Lehrbuch der Gynäkologie nennt es sich und verursacht dem Gangsitzer leichtes Unbehagen. Unauffällig wendet er sich an den Nebenmann. Auch jener liest, in ein dickes Buch vertieft, – das Interesse des Gangsitzers schwindet abrupt, als er eindeutige anatomische Abbildungen erkennt und ihm wiederum der Titel des Werkes ins Auge springt: Frauenheilkunde. Gibt es denn keine Zahnärzte mehr?! , wundert er sich und entfernt sich unauffällig von den beiden angehenden Frauenverstehern. Er ist froh, als ihn ein Interregio erlöst.

Innen wird er erneut eingeschlossen von umfangreichen Reisetaschen, Sportgeräten, Musikinstrumenten und deren menschlichem Anhang. Der Gangsitzer erfährt beiläufig von freimütig diskutierten Beziehungsängsten, Trennungsabsichten, Partybekanntschaften und Zukunftsplänen, die ein Spektrum von Zungenpiercing bis Studienabbruch beinhalten. Offenbar ist er wieder in einer Uniclique gelandet. Ihm ist die Spezies Student schon oft im Zug aufgefallen, denn sie besitzt ein ganz eigenes Reiseverhalten, das man auf freier Gleisbahn leicht beobachten kann: Kaum ist der Zug angeruckt, werden eifrig Zettel, Mitschriften und Lehrbücher hervorgeholt. Doch nicht nur ortsungebundenes Lernen wie Vokabel- oder Formelpauken wird praktiziert, vielmehr berechnet der junge Mann neben ihm umfangreiche Kurven, während sein Gegenüber ein Stück Caesar übersetzt. Zwei Mädchen in seinem Rücken, Musikwissenschaftlerinnen vermutlich, erörtern zunächst diverse Theorien und heben dann an, auch ihre Stimmbänder zu üben. Immerhin sind sie deutlich besser als der bierselige Kegelclub aus dem letzten Zug.

Abrupter Stillstand. Die Reisenden werfen mit irritierten Blicken um sich. Zugpersonal eilt rasch und ohne Erklärung nach vorne. Schließlich die Durchsage: Ein Unfall, Umleitungen, Wartezeiten, neue Anschlüsse. Die Studierenden blicken missmutig zurück in ihre Bücher oder nörgeln halblaut vor sich hin. Der Gangsitzer freut sich. Kostenlose Fahrtverlängerung! Weitere Umsteigemöglichkeiten! Vollere Züge! Er lehnt sich entspannt zurück – als Einziger – und genießt die Abwechslung. Nachher wird er zusammen mit dem Zugbegleiter eine neue, möglichst komplizierte Reiseroute festlegen. Diese Taktik hat er schon oft verwendet. Sobald ihm zu Ohren kommt, dass an einer bestimmten Strecke oder einem Bahnhof Bauarbeiten geplant und Verspätung ebenso wie Fahrplanänderungen absehbar sind, bezieht er dieses Wissen sofort in seine Reiserouten mit ein. Lächelnd denkt er an die vielen schönen zusätzlichen Zugstunden zurück, die ihm dieses Vorgehen bereits verschafft hatte.
 
Aber diesmal kommt es anders. Wie geplant steigt er mit der neuen Route schon zum dritten Mal um und fährt jeweils nur für ein Viertelstündchen. Da eilt der Zugbegleiter lächelnd auf ihn zu. Den Verlust seiner Reservierungen habe er ausgleichen wollen, daher eine neue Lösung gefunden. Er zaubert eine andere Reiseverbindung hervor. Durchgängig, sogar kürzer als die geplante! Dankend wehrt der Gangsitzer ab:

„Ich bin nicht in Eile.“ Und: „Ich bin da ganz  flexibel.“ 

Aber der Zugbegleiter hat seinen Serviceauftrag begriffen: „Nur keine Umstände! Wir regeln das für Sie! Sehen Sie nur, wie vorteilhaft diese Verbindung ist. Allerdings sind die Plätze im Augenblick alle belegt …“

„Ach, ja dann kann man wohl nichts machen“, entgegnet der Gangsitzer schnell.

„Aber ich bitte Sie, nachdem Sie nun dreimal zusätzlich umsteigen mussten!“, schüttelt der Zugbegleiter den Kopf. „Ich habe das gerade abgeklärt: In Ihrem Fall darf ich Ihnen einen Platz der ersten Klasse anbieten.“

Der Schreck steht dem Gangsitzer ins Gesicht geschrieben. Erste Klasse! Der Albtraum! Diese gähnend leeren Waggons ohne jede Aussicht! Das musste er unbedingt abwenden:

„Haben Sie Dank für Ihre Mühe, aber ich werde einfach den Speisewagen aufsuchen.“

Doch der Zugbegleiter antwortete: „Es tut mir leid, wir haben kein Bistro an Bord. Folgen Sie mir nur, ich bringe Sie persönlich zur ersten Klasse.“

„Nein, bitte“, startete der Gangsitzer einen letzten Versuch. „Ich habe gern Gesellschaft …“

„Oh, natürlich! Wenn das so ist…“, signalisiert der Zugbegleiter Verständnis und verschwindet mit dem Versprechen schneller Abhilfe.

Der Gangsitzer seufzt innerlich auf und denkt mit Grausen an die erste Klasse: Leere blaue Sitze! Nur das nicht.     Tatsächlich ist der Zugbegleiter wenige Minuten später zurück.

  „Jetzt habe ich wirklich die Lösung“, strahlt er ihm entgegen und der Gangsitzer rafft sein weniges Gepäck zusammen. Sicherlich gibt es doch noch irgendwo einen einzelnen Sitz in der zweiten Klasse, Raucher möglicherweise, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit würde es sich um einen Platz am Gang handeln … Vielleicht einer von jenen Sitzen in der Nähe der Toilette, die den unschätzbaren Vorteil besitzen, Übersicht über einen ganzen Wagen zu erlauben. Seine Miene beginnt sich aufzuhellen. Ungeahnt rasch sind sie am Ziel – aber in der ersten Klasse! Schneller als der Gangsitzer es recht begreifen kann, stellt ihm der Zugbegleiter eine ältere Dame als seine neue Reisebegleitung vor. Sie jedenfalls scheint sich ehrlich über die Gesellschaft zu freuen und zückt eifrig die Enkelkinderbilder. Der Gangsitzer kapituliert, ihm sind die Argumente ausgegangen. Für diesmal besteht seine einzige Aussicht in ein wenig Weißhaarigkeit inmitten der blauen Sessellandschaft.
 
Im Vorbeikommen erkundigt sich das Zugpersonal nach seinen Wünschen. Jedes Mal bestellt er ein großes Getränk. Die alte Lady versteht selbstverständlich, dass er darum häufig austreten muss – und natürlich sind immer nur die Toiletten am anderen Ende des Zuges frei.
 
 

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Eine seltsame Besichtigung

September30

Drohend ragte der Burgturm in den Himmel. Zumindest wirkte es so, wenn ich meinen Blick steil an seinem Gemäuer aufrichtete. Meine Augen schweiften unwillkürlich in die Höhe, während ich mit meiner Reisegruppe auf den unbequemen Pflastersteinen des Burghofs lagerte. Niemand mochte in der Mittagshitze stehen, solange wir auf die Besichtigung warteten – und das konnte dauern: Unsere Führerin war doppelt belegt.

 

„Ich habe gleich einen Sonnenstich“, maulte meine Freundin Merle, obwohl wir schon im dunkelsten Burgschatten saßen. „Wenn es wenigstens Abend wäre! In der Dämmerung wirkt so eine Burg bestimmt richtig magisch.“

 

Ich ignorierte ihren Unmut und griff nach meinem Rucksack, um nach einem Imbiss zu fischen. Die  anvisierte Kekspackung hatte sich jedoch buchstäblich verkrümelt. Schnell zog ich meine Hand wieder zurück und streckte mich lieber der Länge nach aus, das Basecap tief im Gesicht. Doch ehe ich mich entspannen konnte, bohrte sich etwas Knochiges in meine Schulter. Erschrocken fuhr ich hoch. Eine Unbekannte stand vor mir und starrte mich an. Sie wirkte selbst unter ihrer weiten Kleidung noch dürr und im Augenblick ziemlich ungehalten:

 

„Beeilen Sie sich! Alle warten nur auf Sie!“

 

Verdutzt sah ich mich um – tatsächlich war der Burghof auf einmal wie leer gefegt.

 

„Ich bin Ihre Führerin“, erklärte die alte Frau kurz angebunden und drehte sich um.

 

Offenbar wollte sie unverzüglich ihre Arbeit aufnehmen. Ihr langer Rock verursachte durch die rasche Drehung einen angenehmen Windzug. Ich beeilte mich, meine Sachen zusammenzuraffen, um der Alten zu folgen.

 

Hinter dem Burgtor hörte ich schon die vertrauten Stimmen meiner Gruppenbegleiter und war froh, nicht länger mit der Frau allein zu sein. Ihre Gegenwart bereitete mir Unbehagen. Kurz meinte ich, in ihren Augen einen lauernden Ausdruck zu sehen. Aber der mochte vielleicht auch mit ihrem fortgeschrittenen Alter zusammenhängen. Tatsächlich schien sie mir schon so alt, dass ich mich fragte, warum sie noch immer Gruppen herumführte. Auf eine merkwürdige Weise schienen die tiefen Falten in ihrem Gesicht die Risse in den Mauersteinen der Burg zu spiegeln. Ich stellte mir vor, sie sei mit der Burg derart verwachsen, dass diese Mauern fester Bestandteil ihres Lebens waren und es ihr daher gar nicht in den Sinn kam aufzuhören.

 

Kaum hatten wir die Gruppe erreicht, bahnte sich die Alte routiniert einen Weg durch den Menschenhaufen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit trat sie auf einen großen Steinblock und begann von dieser Position aus ihren Vortrag. Dabei stach ihr knochiger Finger hier und da in die Luft, um uns auf Details der Raumgestaltung aufmerksam zu machen. Die monotonen Erklärungen der Alten standen im Gegensatz zu den wachen, wieselflinken Blicken, die sie quer durch unsere Gruppe schoss. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Meine Augen hatten sich nach der grellen Mittagssonne noch nicht endgültig an die relative Dunkelheit der Eingangshalle gewöhnt. Dass die Ahnengalerie an den Wänden mit der Zeit nachgedunkelt war, machte es nicht einfacher, die verschiedenen Porträts zu erkennen. Abgesehen davon gab es gar nicht viel anderes zu sehen: Ein paar Ritterrüstungen, Wappen und Waffen. Schnickschnack war im Mittelalter nicht so angesagt.

 

Eine Pause im gleichmäßigen Singsang unserer Leiterin ließ mich aufhorchen. Die Gruppe geriet in Bewegung, denn die Alte verließ ihr Podest und lief eilig auf die Tür am anderen Ende der Halle zu. Wir folgten ihr, deren schneller Schritt den Stoff ihrer Kleidung wie eine rote Fahne wehen ließ. Tatsächlich war sie ganz und gar in Rottönen gekleidet, selbst ihr Kopftuch, das so eigenwillig gebunden war, dass es beinahe orientalisch wirkte, schimmerte rosé.

 

Kaum hatte die Führerin die Tür erreicht, blieb sie stehen und forderte mit deutlichen Gesten die ganze Gruppe auf, an ihr vorbei in einen schmalen Gang zu gehen. Vielleicht wollte sie uns ein wenig das Gefühl geben, die Burg selber zu erforschen. Da ich nach Merle suchte, die ich seit meines Zu-spät-Kommens nicht mehr gesehen hatte, geriet ich erneut in die Position des Schlusslichtes: So stand ich plötzlich der Alten wieder allein gegenüber.

 

Sie versetzte mir einen kleinen Stups in den Rücken, nur um mich gleich darauf am Riemen meines Rucksacks festzuhalten. Irritiert von Beschleunigung und Bremsung drehte ich mich zu ihr um. Da bohrte mir die Alte wie schon einmal mit energischem Druck ihren knochigen Zeigefinger in die Schulter und drängte mich in eine Nische, die zu einem kleinen Nebenraum führte. Diese Kammer war so winzig, dass ich mich zwischen den dicken Mauern wie gefangen fühlte. Die Alte stand dicht vor mir und hielt mich in Schach. Ehe ich lautstark protestierten konnte, flüsterte sie mir hastig ins Ohr:

„Ich habe auf dich gewartet!“

 

Daraus hatte sie ja bereits vor Beginn ihrer Führung kein Hehl gemacht, doch sie ließ mir keine Zeit zu fragen, warum sie jetzt erneut eine Verzögerung riskierte. Denn schon zischte sie ein paar weitere schnelle Sätze:

 

„Hör mir gut zu, Kleine! Wir haben nicht viel Zeit, denn deine Freunde dürfen von unserem Verschwinden nichts merken. Trotzdem musst du mir helfen. Es gibt auf dieser Burg etwas für dich zu tun!“

 

Vor lauter Verwirrung stand ich sprachlos da, was die Alte nicht weiter zu kümmern schien. Zu meinem Erstaunen wirkte sie nun auch ganz anders als zuvor: viel vitaler und alles andere als bedauernswert. Auch den lauernden Blick nahm ich wieder wahr, als sie fortfuhr:

 

„Du musst wissen, wir sind hier nicht alleine…“

 

Sicher, dachte ich, hier mochten an die fünf Besichtigungsgruppen zwischen den Mauern unterwegs sein. Sofort drängte sich die Alte wieder in die beginnende Klärung meiner Gedanken.

 

„Ich rede nicht von Menschen! Da ich es ohnehin kurz machen muss, sage ich es dir ganz direkt: Es gibt noch andere Bewohner dieser Burg als jene, von denen ich in meinen Führungen berichte. Bewohner, die ohne eine körperliche Hülle zwischen diesen Mauern umgehen. Und ich kann dir versichern: Sie sind uns nicht wohl gesonnen. Ihr Umgang mit den Menschen ist derb und ich sähe sie lieber heute als morgen von dieser Burg verschwinden.“

 

Normalerweise hätte ich bei einer solchen Geschichte laut aufgelacht. Aber im Beisein der unheimlichen Alten, die mich mit Augen und Fingern beinahe durchbohrte und so gut wie gefangen in einer engen Burgkammer blieb mir jedes Lachen im Hals stecken und ich wagte nicht zu widersprechen. Da zog die Alte mit geschickter Bewegung ein Tuch aus ihrer Rocktasche, ähnlich rot wie ihre übrige Kleidung. Mit flinken Fingern warf sie es schräg über meine rechte Schulter und band es an meiner linken Seite fest.

 

„Was soll das?!“, rief ich und versuchte, mich aus dem transparenten Stoff zu winden.

 

Kurz fühlte ich mich wie ein Insekt im Netz der Spinne. Denn die Alte ließ mich nicht gewähren. Ich spürte ihre spitzen Finger überall, während sie mir zuraunte:

 

„Halt still und sei ruhig! Das ist auch für dich selbst das Beste, glaub mir. Ich kann diese Gelegenheit einfach nicht ungenutzt verstreichen lassen.“

 

„Welche Gelegenheit? Was habe ich mit Ihren Geistergeschichten zu schaffen?! Lassen Sie mich gefälligst los!“

 

Für einen Moment dachte ich, sie wollte mich ins Gesicht schlagen, so intensiv wallte der Zorn in ihren Augen auf. Doch dann schien sie sich zu besinnen, fixierte mich starr mit den Augen und hielt mich mit den Händen so geschickt umklammert, dass sie mich damit ebenso gut außer Gefecht setzte. Nie hätte ich gedacht, dass die dürre Alte über solche Kräfte verfügte.

 

„Ich sagte bereits, wie haben keine Zeit für Erklärungen. Nur soviel: Mir ist etwas an dir aufgefallen. Etwas, das helfen kann, die uneingeladenen Burgbewohner zu vertreiben. Das Tuch unterstützt diese Wirkung. Du musst gar nichts weiter tun. Alles wird von allein geschehen.“

 

Ich als Köder? Als rotes Tuch für einen geisterhaften Stier?! Ich fühlte mich alles andere als wohl in dieser Rolle. Mir blieb nur zu hoffen, dass meine Gruppe unser Fehlen schnell bemerkte und mich hier entdeckte. Doch die Alte hatte die Zeit offenbar gut kalkuliert. Schnell schubste sie mich wieder hinaus auf den Gang. Dabei empfand ich ein so merkwürdiges Körpergefühl, dass ich die wieder gewonnene Freiheit nicht im Geringsten ausnutzen konnte. Meine Beine versagten mir beinahe den Dienst und ich fühlte mich wie berauscht.

 

„Sina? Siiina! Träumst du?!“

 

Meine Freundin Merle schüttelte mich. Benommen schaue ich ihr mitten ins Gesicht, direkt auf ihre Stupsnase, die sie soweit über mein Gesicht gebeugt hat, dass sie mir fast einen Eskimokuss gab. Doch da warf Merle ihren Kopf zurück und schüttelte ihre Haare in den Nacken.

 

„Komm schon! Die anderen sind längst losgegangen. Die Burgführung fängt endlich an“, nuschelte sie mit einem Haargummi zwischen den Zähnen.

 

Die Sonne knallte mir jetzt unbarmherzig ins Gesicht und fördert nicht gerade meine Orientierung.

 

„Burgbesichtigung?“, echote ich kraftlos.

 

„Also wirklich, Sina, wie tief hast du denn geschlafen? Wir schmoren doch nicht einfach so zum Spaß zwei Stunden in der Mittagshitze. Jetzt sind endlich wir dran und das einzige, was mich überhaupt noch motiviert mitzugehen, ist die Hoffnung auf ein wenig Kühle zwischen diesen Mauern.“

 

Merle zog mich mit einem Ruck vom Boden, klopfte mir den Dreck vom Rücken und steuerte mit mir im Schlepptau eilends auf das Burgtor zu. Im Innenhof stand unsere Gruppe versammelt und die Führung hatte bereits begonnen. Die Frau, die gerade ausführlich von der Geschichte der Burg berichtete, war mir gänzlich unbekannt. Mühsam versuchte ich zu begreifen, dass ich nur geträumt hatte, auch wenn mein Gefühl etwas ganz anderes sagte. Denn noch immer konnte ich den knochigen Finger der Alten an meiner Schulter spüren. Es schüttelte mich und ich bekam eine dicke Gänsehaut. In dem jahrhundertealten Gemäuer war es nicht nur kühl, sondern eiskalt.

 

Die Touristenführerin referierte mit eintöniger Stimme den Familienstammbaum der ehemaligen Burgbewohner, der sich für meinen Geschmack etwas zu  weit zurückverfolgen ließ. Am originalgetreuen und darum kargen Mobiliar des Saales ließ sich nicht viel entdecken, so dass ich durch eines jener kleinen Fenster, die nur eine bessere Schießscharte waren, nach draußen sah. Unglaublich, dass ich mich schon wieder nach Sonne sehnte!

 

Der Burghof und unser Lagerplatz waren mittlerweile fast leer. Tatsächlich stand dort nur eine einzige Person, an der mein Blick unwillkürlich hängen blieb. Der lange rote Rock der dünnen Frau wehte im Wind, ebenso wie ihre weite Bluse. Mir stockte der Atem, als ich sie erkannte. Für einen Moment sah es so aus, als wollte der Wind sie in die Luft heben und mit sich forttragen. Da drehte sich die alte Frau zu mir um und winkte mit knochiger Hand.

 

Ein stechender Schmerz durchzog meine linke Schulter.

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