Buchextrakt (29) Volker Surmann: Lieber Bauernsohn als Lehrerkind
Eine Kindheit auf dem Land ist Idylle – eine Jugend auf dem Land die Hölle.
Der Berliner “Multifunktionssatiriker” und Autor Volker Surmann, ein Kind der Siebziger, plaudert über seine wilden westfälischen Jugendjahre am Fuß des Teutoburger Waldes. Seine empfindsame Seele hatte im bodenständigen Umfeld ziemlich zu kämpfen. Zum Beispiel in der ersten Fahrstunde, die direkt im Graben endete, weil der Fahrlehrer nicht fassen konnte, dass der Bauernsohn wirklich noch nicht fahren konnte. Die ersten lyrischen Ergüsse stießen ebenfalls auf unerwartete Publikumsreaktionen.
Achtung: In den Geschichten sterben viele (niedliche) Tiere und manche Träume, aber nie das tragikomische Moment.
Man merkt dem Buch zwar an, dass es auf verschiedenen Stand-up-Nummern basiert, aber darüber kann man hinweglachen.
Wer Buddenbohms Geschichten aus Nordostwestfalen mag, ist mit diesem “Heimatbuch” jedenfalls gut beraten.
“Landwirtschaft und ich, das hatten mich Lünkenschroths Apfelbaum der Erkenntnis und die Ingrid-Marien-Erscheinung auf der Kühlerhaube gelehrt, wir passten einfach nicht zusammen.
Ich war juveniler Literat und Poet, kein Bauer! Ich interessierte mich für Literatur, Politik und Sinnfragen, die über den Horizont des eigenen Ackers hinausreichten! Ich verschrieb mich der Schülerzeitung und kirchlicher Jugendarbeit, und mein Vater tolerierte all diese Eskapaden mit westfälischem Gleichmut.
Schwerer war für ihn mein Coming-out zu verkraften. Denn mit fünfzehn musste ich mir und meinen Eltern eingestehen, dass ich Pollenallergiker war. Ich, ein Bauernsohn – mit Heuschnupfen. Und zwar ausgerechnet und allergologisch beglaubigt, gegen Gräser und Getreide. Ich bin bis heute fest davon überzeugt, dass mein Heuschnupfen meine Familie mehr getroffen hat als später mein echtes Coming-out. Schlimmer wäre wohl nur noch eine Laktose-Intoleranz gewesen.” (S. 24)
German Schnitzel
Wie ich kürzlich erzählte, weckt die deutsche Küche, speziell bayrisches Essen, nicht nur Begeisterung, sondern in seiner fettigen Fülle auch Befremden bei ausländischen Deutschlandbesuchern. Das Reiseblog everywhereist stellt sehr amüsant die subjektiven Erfahrungen mit den wichtigsten Gerichte von Weißwurst über Schweinshaxe bis zu kindskopfgroßen Tortenstücken vor.
Über den Geschmack der Gerichte mag man streiten, mich fasziniert in dem Artikel vor allem die Verwendung von “Schnitzel” als Verb:
Germans can schnitzel the hell out of anything. First, they take a slab of meat and hammer it flat.
That’s right: they are so damn badass, they beat their food after it’s dead.
via anke
Everywhereist unternahm übrigens auch schon einen Trip an die ligurische Küste – Cinque Terre von Monterosso bis Vernazza immerhin. Das erinnert mich an letztes Jahr, wo ich dort auf dem Weg zum Golf der Dichter war.
Buchextrakt (28) Lissa Price: Starters
Als mir die gedruckte Leseprobe eine Bahnfahrt spannungsreich verkürzte, wollte ich den futuristischen Thriller zuende lesen (erfolgreiches Marketing!). In der Buchhandlung schickte man mich zu meiner Überraschung in die Jugendabteilung – daher also die etwas einfache Sprache. Mich hats trotzdem gut unterhalten.
Die Story: In Nordamerika haben nach einer Katastrophe nur die früh geimpften Jungen (”Starters“) und die Alten (”Elders“) überlebt. Kinder, um die sich keine Großeltern kümmern können, schlagen sich auf der Straße durch. So auch die sechzehnjährige Callie und ihr kleiner, kranker Bruder Tyler. Um Geld für seine Medizin zu verdienen, unterschreibt Callie einen Vertrag bei der illegalen Body Bank namens Prime Destinations, um ihren Körper zu vermieten. Per Mikrochip im Hirn laden die Elders dort ihren Geist in junge Körper, um mal wieder richtig Spaß zu haben. Natürlich geht dabei etwas schief …
Trotz der weiblichen Hauptfigur ist der Sci-Fi-Thriller für Jugendliche durch die spannende Handlung und das aktionsreiche Tempo sicher auch für Jungs geeignet.
“Du bist zum ersten Mal hier, nicht wahr?”
Ich nickte.
Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war die Narkosemaske. Ich hätte im Ruheraum der Body Bank aufwachen müssen, nicht hier. Was mochte geschehen sein? Ich war einer Panik nahe, aber der letzte Rest Vernunft hielt mich davon ab, Prime Destinations zu erwähnen. Ich musste so tun, als gehörte ich hierher.
“Schicker Fummel”, sagte Madison und strich über das Material meines Minikleis. “Es macht solchen Spaß, sich endlich mal wieder aufzustylen, stimmt’s? Und sich in einem Laden wie dem Rune Club zu vergnügen. Jedenfalls weit besser, als jeden Samstagabend mit dem Häkelzeug im Schaukestuhl zu sitzen und sich die x-te Wiederholung eines alten Films anzugucken.” Sie blinzelte und stieß mich mit em Ellenbogen an. “Bei dir ist es vielleicht Mahjong. Oder Bridge.”
“Tja.” Ich ließ meinen Blick lächelnd umherwandern. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach.
“Callie, Liebes, bei mir musst du dich nicht verstellen.”
Ich blinzelte.
“Man krieg einen Blick für seinesgleichen. Und du hast sämtliche Tests bestanden.” Madison zählte an den Fingern ab: “Keine Tattoos, keine Piercings, keine Neon-Haarfarbe.” Dann deutete sie auf mich, um den Rest ihrer Argumente abzuarbeiten. “Teure Klamotten, edler Schmuck, gute Manieren und makellose Schönheit.”
An den letzten Punkt musste ich mich erst gewöhnen. Es dauerte vermutlich noch einen Weile, bis ich begriffen hatte, dass die Person, die ich im Spiegel sah, wirklich ich sein sollte.” (S. 84)
Geburt eines Buches
Bessere Buchtitel
Die perfekte Lösung für Bücherfreunde (?) mit zu wenig Zeit, um Rezensionen, Buchextrakte oder erste Sätze zu lesen: Betterbooktitles kondensiert die zentrale Buchidee (Achtung Spoiler!) in einem neuen Titel mit alternativem Cover.
Aus Nabokovs Lolita wird “Likable rapists” und “Infinite Jest” von David Foster Wallace heißt in der BBT-Fassung kurz und knapp “Too long“.
Vereinzelt trifft man auf der Seite auch auf deutsche Literatur, zum Beispiel lautet Erich Maria Remarques “Im Westen nichts Neues” mit neuem Titel “Even Germans have feelings“.
Besonders hübsch finde ich die Verwandlung der kleinen Raupe Nimmersatt in die Neufassung “Eat until you feel pretty“.
Buchextrakt (27) Luca Di Fulvio: Der Junge, der Träume schenkte
Zugegeben, ich habe das Buch nach dem Titel gekauft. Was kann man schon mit Träumen falsch machen? Selbst vom Klappentext blieb bei mir nur “1920er in New York” hängen. Bei einem derart unreflektierten Kaufverhalten darf man auf Überraschungen gefasst sein. Ich bekam eine volle Landung Sex ‘ n’ Crime.
Es ist die Geschichte einer italienischen Auswanderin in New York, die mit einem unehelichen Sohn und großen Hoffnungen nach Amerika geht.
Es ist die Geschichte eines echten Hurensohns, der sich im New Yorker Gangstermilieu aus Nichts einen Namen macht.
Es ist die Geschichte einer Jüdin, die nach persönlichen Dramen ein Flapper wird und sich der Fotokunst verschreibt.
Es ist aber auch die Geschichte des frühen (Hollywood)-Films , dem ebenso viel Glamour wie Dreck anhaftet(e).
Vielleicht gerade weil mir die Themen allesamt recht fern sind, blieb es spannend, ihre Entwicklung zu verfolgen. Die Gewaltszenen waren nicht mein Fall, aber sie passen zur Story.
Insgesamt: Eher harte Realität als leichte Träume, aber immerhin mit Happy-End.
“‘Hoch mit dem Lappen war vor langer Zeit die übliche Redensart, wenn man wollte, dass der Vorhang sich hob. Und deshlab… ziehen wir den Lappen rauf, Leute, denn euch erwaret eine Vorstellung, wie ihr sie noch nie gesehen habt. Eine Reise in die Stadt der Räuber und Gendarmen, wie unser New York damals genannt wurde. Ihr seid in einem der Theater an der Bowery, und die Schauspielerinnen auf der Bühen sind derart liederlich und verdorben, dass sie in keinem anderen Theater auftreten könnten, glaubt mir. Macht euch gefasst auf volkstümliche Possen, auf anzügliche Komödien, auf Stücke, die von Straßengangstern und Mördern handeln, Und passt bloß auf eure Geldbörsen auf …’ Christmas lachte leise. Der Schraubstock um seinen Magen hatte sich gelöst. Luft strömte ungehindert in seine Lungen und wieder hinaus. Die Scheinwerfer glühten, die Musik spielte. Und er hörte das Geraune der Leute, nahm ihre Gedanken und Emotionen wahr. ‘Neben euch sitzen Zeitungsverkäufer, Straßenkehrer, Aschesammler, Lumpenhändler, junge Bettler, vor allem aber Dirnen und Taucher … Ja, ihr habt richtig gehört, Taucher. Ach so, entschuldigt, ihr seid ja von der flachen Sorte. Flach ist einer, der wie ihr keinen Schimmer von den Tricks der Ganoven hat. Und ein Taucher ist jemand … der seine Hände in eure Taschen taucht. Der beste Taschendieb, den ihr euch vorstellen könnt. Deshalb … seid achtsam.’” (S. 469-470)
Wilhelm Busch – Eduards Traum
Zum 180. Geburtstag des Zeichners und Dichters Wilhelm Busch stelle ich eine eher unbekannte Geschichte des Humoristen vor. Jenseits von Max und Moritz, Hans Huckebein und der frommen Helene hat er nämlich auch mal was Längeres in Prosa geschrieben. Alles andere als angestaubt und nicht minder komisch.
Die Erzählung Eduards Traum (1891) verfasste Wilhelm Busch im reiferen Alte, und zwar komplett ohne Zeichnungen. Herrliche Formulierungen ersetzen ohne Mühe die fehlenden Illustration. Buschs Humor blitzt auch in diesem Prosastück überall hervor. Den Ausdruck “an den Grenzen des Unfassbaren herumduseln” erkläre ich zu meinem neuen Liebling.
Manche Menschen haben es leider so an sich, daß sie uns gern ihre Träume erzählen, die doch meist nichts weiter sind, als die zweifelhaften Belustigungen in der Kinder- und Bedientenstube des Gehirns, nachdem der Vater und Hausherr zu Bette gegangen. Aber »Alle Menschen, ausgenommen die Damen«, spricht der Weise, »sind mangelhaft!«
Dies möge uns ein pädagogischer Wink sein. Denn da wir insoweit alle nicht nur viele große Tugenden besitzen, sondern zugleich einige kleine Mängel, wodurch andere belästigt werden, so dürften wir vielleicht Grund haben zur Nachsicht gegen einen Mitbruder, der sich in ähnlicher Lage befindet.
Auch Freund Eduard, so gut er sonst war, hub an, wie folgt:
Die Uhr schlug zehn. Unser kleiner Emil war längst zu Bett gebracht. Elise erhob sich, gab mir einen Kuß und sprach:
»Gute Nacht, Eduard! Komm bald nach!« jedoch erst so gegen zwölf, nachdem ich, wie gewohnt, noch behaglich grübelnd ein wenig an den Grenzen des Unfaßbaren herumgeduselt, tat ich den letzten Zug aus dem Stummel der Havanna, nahm den letzten Schluck meines Abendtrunkes zu mir, stand auf, gähnte vernehmlich, denn ich war allein, und ging gleichfalls zur Ruhe.
Eine Weile noch, als ich dies getan, starrt ich, auf der linken Seite liegend, ins Licht der Kerze. Mit dem Schlage zwölf pustete ich’s aus und legte mich auf den Rücken. Vor meinem inneren Auge, wie auf einem gewimmelten Tapetengrunde, stand das Bild der Flamme, die ich soeben gelöscht hatte. Ich betrachtete sie fest und aufmerksam. Und nun, ich weiß nicht wie, passierte mir etwas Sonderbares.
Mein Geist, meine Seele, oder wie man’s nennen will, kurz, so ungefähr alles, was ich im Kopfe hatte, fing an sich zusammenzuziehn. Mein intellektuelles Ich wurde kleiner und kleiner. Erst wie eine mittelgroße Kartoffel, dann wie eine Schweizerpille, dann wie ein Stecknadelkopf, dann noch kleiner und immer noch kleiner, bis es nicht mehr ging. Ich war zum Punkt geworden.
Im selben Moment erfaßte mich’s, wie das geräuschvolle Sausen des Windes. Ich wurde hinausgewirbelt. Als ich mich umdrehte, sah ich in meine eigenen Naslöcher.
Da saß ich nun auf der Ecke des Nachttisches und dachte über mein Schicksal nach. …

