Esther Grau

inspired by dreams

Buchextrakt (34) Charles Yu: Handbuch für Zeitreisende

März26

Der Protagonist, der denselben Namen wie der Autor trägt, verdient nach einem “Masterstudium in angewandter Science-Fiction” sein Geld mit der Reparatur von Zeitreisemaschinen. In seine Geschichte sind Auszüge aus dem eigentlichen Handbuch für Zeitreisende eingeschoben, wie dieser über unsere Welt:

SF-UNIVERSUM, UNFERTIGKEIT

Klein-Universum 31 wurde im Verlauf seiner Konstruktion leicht beschäfigt. Infolgedessen hat der Erbauer-Entwickler, der im Besitz der Rechte ist, die ursprünglichen Pläne für den Raum aufgegeben.

Als die Arbeiten eingestellt wurden, war die Physik erst zu 93 Prozent installiert. Deshalb werden Sie womöglich feststellen, dass es hier und dort ein bisschen unberechenbar zugeht. Doch in der Regel sollten Reisende während ihres Aufenthalts mit einem handelsüblichen quantenrelativitätsbasierten Kausalprozessor problemlos zurechtkommen.

Die vom KU-31-Ingenieurteam hinterlassene Technologie ist zwar nicht vollständig entwickelt, aber erstklassig. Letzteres kann man von den menschlichen Bewohnern, die offenbar ein Gefühl der Unvollkommenheit zurückbehalten haben, allerdings nicht behaupten (S. 26).

Das Buch bleibt weder so technisch noch so lustig-locker, wie es am Anfang daherkommt. Spätestens wenn Yu von seiner Mutter erzählt, die freiwillig in einer Zeitschleife, der “Sci-Fi-Version des betreuten Wohnens” lebt, schluckt man als Leser schon mal. Sie erlebt dieselbe Stunde eines familiären Abendessens mit virtuellen Versionen von Sohn und Mann immer wieder. Freier Wille inklusive, aber sie hat trotzdem zehn Jahre im Voraus bezahlt. Der Witz daran: Die Simulation entspricht nicht einmal einer “echten” Erinnerung, sondern nur einer ersehnten Idealsituation.

So viel also von Zeitmaschinentechnik die Rede ist, wird doch deutlich, dass unser aller Erinnerungsvermögen die eigentliche Zeitmaschine darstellt. Das Buch spielt mit dem Wechsel dieser beiden Ebenen. So dreht sich ein Großteil der Geschichte um die Aufarbeitung von Yus Erinnerungen an seinen Erfinder-Vater, mit dem er erfolglos an Zeitmaschinenen bastelte – bis der Vater verschwand … Und natürlich gerät der Protagonist irgendwann selbst in eine Zeitschleife.

Ein ungewöhnliches Buch, das sich schon aufgrund seines originellen Zugangs, der Montagetechnik und immer neuer Perspektiven zu lesen lohnt.

Buchextrakt (33) Haruki Murakami: Schlaf

Februar6

Kein Buch für schlaflose Nächte – dafür ist es viel zu kurz. Das macht die Erzählung andererseits zu einer guten Bettlektüre. Die Hauptfigur, eine 30-jährige Hausfrau und Mutter in Tokio, erlebt nach einem vermeintlichen Albtraum Nacht um Nacht Schlaflosigkeit. Dieser Zustand überkommt sie nicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Früher kannte sie ihn als etwas Quälendes:

“Mit meinen Fingerspitzen berühre ich gleichsam den äußersten Rand des Schlafes. Doch sofort ist mein Bewusstsein zur Stelle. Ganz leicht schlummere ich ein. Aber mein Bewusstsein, nur durch eine dünne Wand getrennt, ist hellwach und kontrolliert mich. Während mein Körper schwankend durch die Morgendämmerung irrt, spürt er den Blick und den Atem meines Bewusstseins ständig neben sich. Ich bin ein sich nach Schlaf sehnender Körper und ein Bewusstsein, das wach bleiben will.”

Die aktuelle Phase ihrer Schlaflosigkeit erfährt die Hauptfigur aber vollkommen anders. Denn sie ist nicht mit den üblichen Folgen verbunden: bleierne Müdigkeit, Erschöpfung, Verwirrung. Im Gegenteil: Die Protagonistin fühlt sich Tag und Nacht wach, sogar energiegeladener als sonst. Die Schlaflosigkeit eröffnet ihr neuen Lebensraum, schenkt mehr Lebenszeit, denn sie liest sich in langen Nächten durch dicke Bücher wie Anna Karenina.

Wie üblich schildert Murakami seine Hauptfiguren in all ihrer Alltäglichkeit. Im Vergleich zu der belanglosen Oberflächlichkeit ihrer Tage, erfahren die Nächte der Protagonistin unberechenbare Tiefen. Geleitet von den surrealen Illustrationen der deutschen Comiczeichnerin Kat Menschik wird deutlich, wie sehr es trotz gleichbleibender Äußerlichkeit im Inneren brodelt.

Das Ende hat mich dann eine Weile schlaflos gelassen …


Buchextrakt (32) Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts.

Januar17

Florian Illies, der sich als Buchautor bislang vor allem der eigenen Generation widmete (Generation Golf), erweckt in seinem neuesten Buch das Jahr 1913 aus hundertjährigem Schlaf. Lebendig zeichnet er die Kunst- und Kulturszene im alten Europa nach, indem er in kurzen, meist nur halbseitigen Anekdoten wiedergibt, was wichtige Größe der Zeit gerade so trieben. Er deckt dabei schwerpunktmäßig die Politik (Lenin, Stalin, Hitler, Kaiser Franz-Joseph, Kaiser Wilhelm II.) ebenso ab wie die Literatur (z. B. Thomas und Heinrich Mann, Kafka, Hesse, Rilke, Musil, Lasker-Schüler) und die Kunstszene (der Blaue Reiter, Picasso, Klimt, Kokoschka). Darüber hinaus bekommen auch Zeitgenossen wie Freud, Einstein, Wittgenstein und Steiner ihren Platz.

Geografisch wechselt Illies vor allem zwischen den kulturellen Kulminationspunkten Paris, Berlin, München und Wien. Die Zusammenstellung quer durch die Kulturgeschichte des Jahres lebt einerseits von pointiert erzählten biografischen Details und andererseits durch (ungeahnte) Querverbindungen. Wo diese nicht durch tatsächliche Begegnungen oder Bekanntschaften gegeben waren, stellt Illies sie kurzerhand aus räumlicher, zeitlicher oder emotionaler Nähe selbst her:

„Albert Einstein, der große Relativitätstheoretiker, zeigt sich als Praktiker der Realität. 1913, als Einstein in Prag lebte, entfremdet er sich zusehends von seiner Frau Mileva. Er erzählte ihr nichts mehr von seinen Forschungen, seinen Entdeckungen, seinen Sorgen. Und sie schweigt und lässt sich gehen. Es geht ihnen mindestens so schlecht wie Hermann Hesse und seiner Frau in Bern und Arthur Schnitzler und seiner Frau in Wien, um zum Trost nur zwei zu nennen. Abends jedenfalls geht Einstein ganz allein in die Kaffeehäuser oder Kneipen und trinkt ein Bier – vielleicht sitzen nebenan Max Brod, Franz Werfel und Kafka, aber sie kennen sich nicht. Und dann schreibt Albert Einstein in diesem März 1913 – genau wie Kafka – lange Briefe nach Berlin. Er hat sich bei einem Besuch in seine Cousine Elsa verliebt, die gerade frisch geschieden ist. Er schreibt ihr schreckliche Dinge über seine Ehe: Sie schliefen nicht mehr in einem Zimmer, er vermeide es, unter allen Umständen, allein mit Mileva zu sein, denn sie sei eine ‚unfreundliche, humorlose Kreatur‘ und er behandle sie wie eine Angestellte, die er leider nicht entlassen könne. Dann steckt er den Brief in einen Umschlag und ab damit zur Post – und so reisten dann vermutlich im selben Postsack von Prag nach Berlin die brieflichen Wehklagen Einsteins und Kafkas an die fernen Sehnsuchtsfrauen Felice und Elsa.“ (S. 79)

Chronologisch nach Kalendermonaten geordnet illustriert Illies auf diese Weise den Jahrhundertsommer. Hie und da fügt er kleine zeitgenössische Schnipsel ein, wie den Auszug aus einem Damenblättchen, das die aktuelle Mode beschreibt. Ganz nebenbei wird dabei das Schönheitsideal deutlich, das vor 100 Jahren dem heutigen diametral gegenübersteht:

„Man kann sich für die schönsten Kleider direkt Schnittmuster bestellen. Interessant sind die möglichen Hüftbreiten: 116, 112, 108, 104, 100 und 96. Darunter ist nichts denkbar. Erst in der Nummer 9 hat dann die Redaktion ein Erbarmen und kündigte groß an ‚Mode für schlanke Damen‘! Und es folgt mit großer Anteilnahme der schöne Satz: ‚Sie haben es nicht immer leicht, die schmächtigen überschlanken Evastöchter, sich gut und der Mode entsprechend anzuziehen. Da heißt es zu Kompromissen zu greifen und das, was die Natur versagt, durch geschickte, faltige Arrangements zu kaschieren.‘ Was die Natur versagt – Schlankheit gilt 1913 noch als eine Art Schicksalsschlag.“ (S. 80)


Buchextrakt (31) Mine Sö?üt: Das Haus der fünf Sevimen

Oktober4

Ein schöner Fund im Bücherroulette. Wie der Untertitel schon sagt, handelt das Buch “von Geistern und Träumen”. Gemeint sind keine netten Feen, sondern dämonische Dschinn, die Spezialisten in Schadenszauber und Menschen-verrückt-machen sind. Trotzdem ist die Erzählung alles andere als ein Horrorschmöker im klassischen Sinne.

Formal umfasst das Buch die Aufzeichnungen des Psychiaters Doktor Samimi, der in Istanbul ein eigenwilliges Experiment durchführt, um die (Nicht-)Existenz von Geistern und Feen zu beweisen. Da er selbst von Kindheit an von ihnen besucht oder besser heimgesucht wird, nimmt er die ganze Angelegentheit ziemlich persönlich. Folglich erfüllt das Experiment auch nicht eben die Standards naturwissenschaftlicher Forschung.  Objektivität und Freiwilligkeit der Versuchspersonen gehen ihm völlig ab und die geisterhaften Wesen sind alles andere als eine kontrollierte Variable. Von Berufs wegen hält Dr. Samimi sie ohnehin für bloße Wahrnehmungsstörungen, aber was er als Krankenprotokolle über die Geschichten seiner Patienten notiert, ähnelt eher einem (alb)traumartigen Märchenbuch.

Die Stärke des Buches liegt in einer gelungenen Kombination: Poetische Fantasiegeschichten werfen scheinbar harmlos ihren schützenden Märchenmantel über eiskalte Fälle von Traumatisierung. Fast unmerklich gelingt die Gegenüberstellung von Innen- und Außenperspektive der “besessenen” geistig Gestörten (oder besser: Geister-Gestörten).

“Aus den Fenstern des vorderen Hauses schauten neugierig Augenpaare, und ihre Blicke trafen hin und wieder auf die fünf Personen. Doch keiner der Bewohner des Fünf-Sevimen-Hauses merkte, dass er beobachtet wurde. Ihrer aller Blick galt allein dem Meer, das zwischen den beiden Häusernzu sehen war. Als packte der Ausblick die Schiffe, die Vögel und sämtlichen Kleinkram ein und entschwände, wenn sie auch auch nur einen Augenblick die Augen davon lösten. Als ständen die Wasser still, die nur für sie flossen, wenn sie bloß einmal den Blick abwandten. Als stürben sie, wenn sei einen Tag nicht ans Fenster treten würden.” (S. 12)


Buchextrakt (30) Haruki Murakami: 1Q84 (Bd. 1 + 2)

Juni23

Tengo, Mathematiklehrer mit schriftstellerischen Ambitionen, und Aomame, Kampfsporttrainerin mit gelegentlichen Spezialaufträgen, sind die beiden Protagonisten und damit auch die beiden Perspektiven der Geschichte. Sie spielt in Tokio, und zwar im Jahr 1984. Bezügen zu Orwells gleichnamigem Buch lassen sich schon am Titel von Murakamis Werk ablesen.

Mehr möchte ich gar nicht verraten von dieser seltsam surrealen Erzählung, die den Leser einspinnt wie die vielbeschworene “Puppe aus Luft”. An der Oberfläche nichts als Realismus, jede Alltagshandlung der Figuren steht dem Leser überdeutlich vor Augen, doch darunter wirkt eine verschobene, wenn nicht verkehrte Welt. Eine latente Bedrohung durch die “Little People” und ihre mehr als mythische Kraft zieht sich durch die Erzählung.

Es ist schwer, die subtile Stimmung des Buches  in einer kurzen Leseprobe einzufangen, dennoch ein Versuch:

“Er fuhr nach Hause, schlief ein und träumte. So realistisch hatte er schon lange nicht mehr geträumt. Er war ein winziges Stück eines gigantischen Puzzles. Aber er veränderte ständig seine Form, weshalb er nirgendwo richtig hineinpasste. Außerdem musste er parallel zu der Aufgabe, seinen Platz im Puzzle zu finden, in einem vorgeschriebenen Zeitraum die Notenblätter für ein Paukenstück aufsammeln. Sie waren von einem starken Windstoß davongeweht und überall verstreut worden. Blatt für Blatt hob er sie auf. Nun musste er die Seitenzahlen überprüfen und in die richtige Reihenfolge bringen. Dabei veränderte er wie eine Amöbe immer wieder seine Form. Er konnte die Situation einfach nicht unter Kontrolle bringen. Irgendwann tauchte Fukaeri auf und ergriff seine linke Hand. Plötzlich hörte Tengo auf, seine Gestalt zu verändern. Auch der Wind legte sich, und die Notenblätter flogen nicht mehr herum. Tengo war erleichtert. Doch währenddessen lief auch seine Zeit ab. ‘Jetzt ist Schluss’, mahnte Fukaeri mit leiser Stimme und sogar in einem ganzen Satz. Die Zeit blieb pünktlich stehen, und die Welt endete. Die Erdrotation kam zum Stillstand. Alle Geräusche verstummten. Alle Lichter erloschen.” (S. 371)

Buchextrakt (29) Volker Surmann: Lieber Bauernsohn als Lehrerkind

Mai15

Eine Kindheit auf dem Land ist Idylle – eine Jugend auf dem Land die Hölle.

Der Berliner “Multifunktionssatiriker” und Autor Volker Surmann, ein Kind der Siebziger,  plaudert über seine wilden westfälischen Jugendjahre am Fuß des Teutoburger Waldes. Seine empfindsame Seele hatte im bodenständigen Umfeld ziemlich zu kämpfen. Zum Beispiel in der ersten Fahrstunde, die direkt im Graben endete, weil der Fahrlehrer nicht fassen konnte, dass der Bauernsohn wirklich noch nicht fahren konnte.  Die ersten lyrischen Ergüsse stießen ebenfalls auf unerwartete Publikumsreaktionen.

Achtung: In den Geschichten sterben viele (niedliche) Tiere und manche Träume, aber nie das tragikomische Moment.

Man merkt dem Buch zwar an, dass es auf verschiedenen Stand-up-Nummern basiert, aber darüber kann man hinweglachen.

Wer Buddenbohms Geschichten aus Nordostwestfalen mag, ist mit diesem “Heimatbuch” jedenfalls gut beraten.

“Landwirtschaft und ich, das hatten mich Lünkenschroths Apfelbaum der Erkenntnis und die Ingrid-Marien-Erscheinung auf der Kühlerhaube gelehrt, wir passten einfach nicht zusammen.

Ich war juveniler Literat und Poet, kein Bauer! Ich interessierte mich für Literatur, Politik und Sinnfragen, die über den Horizont des eigenen Ackers hinausreichten! Ich verschrieb mich der Schülerzeitung und kirchlicher Jugendarbeit, und mein Vater tolerierte all diese Eskapaden mit westfälischem Gleichmut.

Schwerer war für ihn mein Coming-out zu verkraften. Denn mit fünfzehn musste ich mir und meinen Eltern eingestehen, dass ich Pollenallergiker war. Ich, ein Bauernsohn – mit Heuschnupfen. Und zwar ausgerechnet und allergologisch beglaubigt, gegen Gräser und Getreide. Ich bin bis heute fest davon überzeugt, dass mein Heuschnupfen meine Familie mehr getroffen hat als später mein echtes Coming-out. Schlimmer wäre wohl nur noch eine Laktose-Intoleranz gewesen.” (S. 24)


Buchextrakt (28) Lissa Price: Starters

Mai7

Als mir die gedruckte Leseprobe eine Bahnfahrt spannungsreich verkürzte, wollte ich den futuristischen Thriller zuende lesen (erfolgreiches Marketing!). In der Buchhandlung schickte man mich zu meiner Überraschung in die Jugendabteilung – daher also die etwas  einfache Sprache. Mich hats trotzdem gut unterhalten.

Die Story: In Nordamerika haben nach einer Katastrophe nur die früh geimpften Jungen (“Starters“) und die Alten (“Elders“) überlebt. Kinder, um die sich keine Großeltern kümmern können, schlagen sich auf der Straße durch. So auch die sechzehnjährige Callie und ihr kleiner, kranker Bruder Tyler. Um Geld für seine Medizin zu verdienen, unterschreibt Callie einen Vertrag bei der illegalen Body Bank namens Prime Destinations, um ihren Körper zu vermieten. Per Mikrochip im Hirn laden die Elders dort ihren Geist in junge Körper, um mal wieder richtig Spaß zu haben. Natürlich geht dabei etwas schief …

Trotz der weiblichen Hauptfigur ist der Sci-Fi-Thriller für Jugendliche durch die spannende Handlung und das aktionsreiche Tempo sicher auch für Jungs geeignet.

“Du bist zum ersten Mal hier, nicht wahr?”

Ich nickte.

Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war die Narkosemaske. Ich hätte im Ruheraum der Body Bank aufwachen müssen, nicht hier. Was mochte geschehen sein? Ich war einer Panik nahe, aber der letzte Rest Vernunft hielt mich davon ab, Prime Destinations zu erwähnen. Ich musste so tun, als gehörte ich hierher.

“Schicker Fummel”, sagte Madison und strich über das Material meines Minikleis. “Es macht solchen Spaß, sich endlich mal wieder aufzustylen, stimmt’s? Und sich in einem Laden wie dem Rune Club zu vergnügen. Jedenfalls weit besser, als jeden Samstagabend mit dem Häkelzeug im Schaukestuhl zu sitzen und sich die x-te Wiederholung eines alten Films anzugucken.” Sie blinzelte und stieß mich mit em Ellenbogen an.  “Bei dir ist es vielleicht Mahjong. Oder Bridge.”

“Tja.” Ich ließ meinen Blick lächelnd umherwandern. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach.

“Callie, Liebes, bei mir musst du dich nicht verstellen.”

Ich blinzelte.

“Man krieg einen Blick für seinesgleichen. Und du hast sämtliche Tests bestanden.” Madison zählte an den Fingern ab: “Keine Tattoos, keine Piercings, keine Neon-Haarfarbe.” Dann deutete sie auf mich, um den Rest ihrer Argumente abzuarbeiten. “Teure Klamotten, edler Schmuck, gute Manieren und makellose Schönheit.”

An den letzten Punkt musste ich mich erst gewöhnen. Es dauerte vermutlich noch einen Weile, bis ich begriffen hatte, dass die Person, die ich im Spiegel sah, wirklich ich sein sollte.” (S. 84)


Buchextrakt (27) Luca Di Fulvio: Der Junge, der Träume schenkte

April18

Zugegeben, ich habe das Buch nach dem Titel gekauft. Was kann man schon mit Träumen falsch machen? Selbst vom Klappentext blieb bei mir nur “1920er in New York” hängen. Bei einem derart unreflektierten Kaufverhalten darf man auf Überraschungen gefasst sein. Ich bekam eine volle Landung Sex ‘ n’ Crime.

Es ist die Geschichte einer italienischen Auswanderin in New York, die mit einem unehelichen Sohn und großen Hoffnungen nach Amerika geht.

Es ist die Geschichte eines echten Hurensohns, der sich im New Yorker Gangstermilieu aus Nichts einen Namen macht.

Es ist die Geschichte einer Jüdin, die nach persönlichen Dramen ein Flapper wird und sich der Fotokunst verschreibt.

Es ist aber auch die Geschichte des frühen (Hollywood)-Films , dem ebenso viel Glamour wie Dreck anhaftet(e).

Vielleicht gerade weil mir die Themen allesamt recht fern sind, blieb es spannend, ihre Entwicklung zu verfolgen. Die Gewaltszenen waren nicht mein Fall, aber sie passen zur Story.

Insgesamt: Eher harte Realität als leichte Träume, aber immerhin mit Happy-End.

“‘Hoch mit dem Lappen war vor langer Zeit die übliche Redensart, wenn man wollte, dass der Vorhang sich hob. Und deshlab… ziehen wir den Lappen rauf, Leute, denn euch erwaret eine Vorstellung, wie ihr sie noch nie gesehen habt. Eine Reise in die Stadt der Räuber und Gendarmen, wie unser New York damals genannt wurde. Ihr seid in einem der Theater an der Bowery, und die Schauspielerinnen auf der Bühen sind derart liederlich und verdorben, dass sie in keinem anderen Theater auftreten könnten, glaubt mir. Macht euch gefasst auf volkstümliche Possen, auf anzügliche Komödien, auf Stücke, die von Straßengangstern und Mördern handeln, Und passt bloß auf eure Geldbörsen auf …’ Christmas lachte leise. Der Schraubstock um seinen Magen hatte sich gelöst. Luft strömte ungehindert in seine Lungen und wieder hinaus. Die Scheinwerfer glühten, die Musik spielte. Und er hörte das Geraune der Leute, nahm ihre Gedanken und Emotionen wahr. ‘Neben euch sitzen Zeitungsverkäufer, Straßenkehrer, Aschesammler, Lumpenhändler, junge Bettler, vor allem aber Dirnen und Taucher … Ja, ihr habt richtig gehört, Taucher. Ach so, entschuldigt, ihr seid ja von der flachen Sorte. Flach ist einer, der wie ihr keinen Schimmer von den Tricks der Ganoven hat. Und ein Taucher ist jemand … der seine Hände in eure Taschen taucht. Der beste Taschendieb, den ihr euch vorstellen könnt. Deshalb … seid achtsam.'” (S. 469-470)


Buchextrakt (26) Bas Kast: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft

März30

Ein Journalist, der locker-flockig über relevante Ergebnisse der neueren Hirnforschung berichtet, verspricht eine lohnende Lektüre. Tatsächlich gelingt es Kast, allgemeinverständlich und gleichzeitig unterhaltend Meilensteine und aktuellen Forschungsansätze zu beleuchten.

Im Mittelpunkt des  Buches steht die Frage, inwieweit Emotionen unsere Entscheidungen und Handlungen beeinflussen. Ein spannendes Thema, das überraschende Ergebnisse mit sich bringt. Die Macht der Intuition wird inzwischen auch von jenen Wissenschaftlichern bestätigt, die gerade die Ratio erforschen, das sei an dieser Stelle schon verraten.

Kast hat für seinen Bericht Forschungszentren auf der ganzen Welt besucht und scheut auch nicht den Selbstversuch. Einige darf auch der Leser des Buches mitmachen, andere – wie die kurzzeitige “Abschaltung” einiger Hirnareale durch einen starken Magneten – führt der Autor anschaulich vor Augen. Obwohl sich herausstellt, dass unser Gehirn einerseits immer genauer kartografiert wird, muss andererseits dem Unbewussten ein größerer Einfluss zugestanden werden, als bisher angenommen.

Darüber hinaus stellt Kast die Verbindung zu philosophischen Traditionen, bekannten Künstlern zwischen Genie und Wahnsinn sowie Autisten her.

Als Leseprobe zitiere ich den Anfang einer kleinen Rätselgeschichte, deren Auflösung im Buch zu finden ist:

Die Verwandlung des Herrn K.

Dies ist die Geschichte des Herrn K., eines geselligen, lebendigen Menschen; glaubt man einem seiner Zeitgenossen, war er ‘der eleganteste Mann von der Welt’. Aber das war lange vor K.s kühnem Selbstversuch.

Als K. 40 wurde, geriet er nämlich in eine Midlife-Crisis und fasste den Entschluss, sein Ich neu zu entwerfen, wie es ein Architekt am Reißbrett mit einem Stadtteil tut oder wie ein Informatiker am Computer eine Software umprogrammiert: Herr K., Version 2.0. Die Operation, ein Putsch der Vernunft gegen den Rest der Person, sollte Jahre dauern, doch schließlich gelang sie, und aus dem ehemaligen Hauslehrer und Bibliothekar wurde der vernünftigste Mensch auf Erden.

Kein Wort dieser Geschichte ist eine Erfindung.” (S. 28)

Buchextrakt (25) Christoph Poschenrieder: Die Welt ist im Kopf.

September6

In dem historischen Roman erlebt der Leser den Philosophen Arthur Schopenhauer vor allem von seiner hitzigen Seite. Der in jeder Hinsicht leicht erregbare Schopenhauer legt sich vor allem mit seinem Verleger Brockhaus an, der sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung veröffentlichen soll. Erbost bricht Schopenhauer 1819 zu einer Italienreise auf, solche Bildungsreisen lagen damals für junge Männer sehr im Trend. Während er auf das Erscheinen seines Buches wartet und zögert, ob er sich mit seinem Empfehlungsschreiben von Goethe bei dem damals äußerst angesagten Lord Byron vorstellen soll, genießt er erst einmal la dolce vita in Venedig. Die Perspektiven wechseln, sodass auch Lord Byrons und Goethes Sicht gelegentlich geschildert werden.

„Einen Raum voller Menschen benutzte Goethe wie eine Bibliothek – so wie er ein Buch aus dem Regal zog, nach Belieben darin blätterte und es, bereichert oder gelangweilt, zurückstellte. Ein Goethe konnte sich das erlauben; selbst aber ließ er sich von niemandem lesen, wenn er es nicht wollte. Die Bibliothek war nicht schlecht sortiert. Gut, die Gräfin Bombelles, die vor allem redete wie ein Buch, die war zu meiden; dort den Grafen Paar, den kannte er in. Und auswendig; beim Erdöd-Palffy fand er immer eine Pointe; die beiden Prinzessinnen Reuß-Köstriz, reizend illustriert und koloriert, ein wahrlich zierliches Format, das stets das Blättern lohnte; drüben, beim Podium, die Gewichtigen in Goldschnitt: Klemens Fürst Metternich, österreichischer Staatsminister, neben dem Gastgeber Fürst Schwarzenberg, einem Sieger der Völkerschlacht von Leipzig, und dem russischen Außenminister Capo d’Istria.“ (S. 21-22)

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